Fulda - Claus Weselsky ist bereits in Fahrt. Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zeigt sich am Mittwoch angriffslustig bei der Protestveranstaltung in Fulda. Angesichts des Tarifstreits mit der Deutschen Bahn bekräftigt er die Streikbereitschaft seiner Gewerkschaftsleute. Wenn die Lokführer mangels akzeptabler Angebote des Arbeitgebers zum Arbeitskampf förmlich gezwungen würden, dann müsse es eben sein - so die Botschaft. Die Bahn müsse ihre Blockadehaltung ablegen.

Als Weselsky in einer Kongresshalle nahe des Fuldaer Bahnhofs spricht, wirkt die Atmosphäre ruhig und konzentriert. Statt für einen lauten, öffentlichkeitswirksamen Protest mit Trillerpfeifen und Transparenten unter freiem Himmel hat sich die Gewerkschaft für eine Art Vortragsveranstaltung entschieden, mit Fakten-Präsentation auf der Videowand.

Nach Gewerkschaftsangaben kamen 400 Teilnehmer zu dieser ersten Protestveranstaltung. Gehofft hatte die GDL auf 800 Mitstreiter. Doch Personalengpässe und die Sommerferien sorgten für eine geringere Beteiligung, wie GDL-Sprecher Stefan Mousiol sagte. Die Teilnehmer waren in ihrer Freizeit erschienen.

So wie Jörg Huesmann, der um 4.45 Uhr aufgestanden war, um Flagge für den Protest zu zeigen. Der Mann aus Coesfeld (NRW) ist seit 22 Jahren Lokführer und enttäuscht von der Verhandlungsposition der Deutschen Bahn. „Mit dem Angebot der Bahn zuletzt kann man nicht viel anfangen.“ Die GDL mit ihren 34 000 Mitgliedern will unter anderem fünf mehr Prozent mehr Geld und eine verringerte Wochenarbeitszeit.

Die Bahn ist bislang nur zu einer Einmalzahlung von 350 Euro bereit. Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber ließ am Mittwoch mitteilen: „Bildlich gesprochen sitzen wir noch am Verhandlungstisch und warten, dass die GDL zurückkommt. Unser Angebot steht. Wir sind jederzeit verhandlungsbereit.“


Huesmanns Lokführer-Kollege Christoph Stuke glaubt nicht, dass die Tarifrunde ohne Eskalation vonstattengeht: „Ich bin nicht sonderlich zuversichtlich, dass man diesmal ohne einen Streik auskommt.“ Offenbar verstehe die Bahn nur diese Sprache. Beide sind der Auffassung: Die GDL habe bewiesen, dass sie als spezialisierte Spartengewerkschaft das Beste für die Beschäftigten herausholen könne. Die Auseinandersetzung mit der konkurrierenden, größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sehen sie mit Sorge.

Denn nach dem Auslaufen eines Grundlagentarifvertrags Ende Juni, der die Zuständigkeiten klar regelte, wollen nun beide Gewerkschaften auch für Bahn-Beschäftigte verhandeln, die sie früher nicht vertraten.

Auch Michael Gerhards (58), Lokführer aus dem sauerländischen Bestwig, nicht entgangen: „Es geht um die Macht der Gewerkschaften.“ Doch ihm persönlich ist wichtig, dass die Arbeit des Fahrpersonals fair bezahlt wird. Problematisch findet er die unregelmäßigen Arbeitszeiten: „Das ist nicht nur eine psychische Belastung für einen selbst, sondern auch für die Familie.“

Wenn sich die GDL mit ihren Forderungen durchsetzen sollte, hätten die Lokführer mehr Geld im Portemonnaie. Thomas Gelling, Geschäftsführer der GDL-Tarifabteilung, rechnete vor: Die Berufsanfänger bekämen dann 2612 statt 2488 Euro. Und nach 25 Jahren Berufserfahrung wären es 3161 statt 3010 Euro. Zusätzlich sollten Entgeltstufen eingeführt werden, die auch nach 30 und 35 Jahren Gehaltssprünge zulassen.