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Energie Multitalent aus dem Maisfeld

Karsten Krogmann

LüSCHE - Kunibert Ruhe ist Lüscher, „seit 45 Jahren schon“, wie er stolz berichtet; sein Dorf kennt er von oben, von links, von rechts, von hinten, von vorn. „Und jetzt“, sagt Ruhe, „kenne ich Lüsche sogar von unten.“

Er hat in Lüsche Hofeinfahrten umgegraben, Vorgärten ausgekoffert und Straßen aufgerissen, und 12 Kilometer Rohrleitungen und 2,5 Millionen Euro später heißt das 910-Einwohner-Dorf nicht mehr bloß „Lüsche“, sondern „Bioenergiedorf Lüsche“. Ruhe, Chef der Lüscher Fernwärme GmbH, hat 160 Haushalte an ein Fernwärmenetz angeschlossen: Zwei Biogasanlagen, Gesamtleistung: 1 Megawatt pro Stunde, versorgen die Häuser nun mit Wärme, die Gasuhren in den Kellern stehen seit Monaten still.

Günstige Preise

Kunibert Ruhe sitzt im Restaurant „Kalaboush“ in der Dorfmitte. Er hat in den vergangenen zwei Jahren oft hier gesessen, hat Fragen beantwortet wie „Stinkt mein Duschwasser, wenn es mit Wärme aus der Biogasanlage erhitzt wird?“ oder „Wer pflastert meinen Hof neu, wenn da Leitungen verlegt werden müssen?“ Nein, antwortete Ruhe geduldig, das Wasser stinkt nicht, und ja, ich pflastere deinen Hof neu. Dann sagte er den Bürgern, dass sie künftig nur 3 Cent pro Kilowattstunde Wärme zahlen müssten statt bis zu 8 Cent wie bisher. Fast alle Bürger wollten gern ans Fernwärmenetz angeschlossen werden.

Rechts neben Ruhe sitzt der Bürgermeister, links der Vorsitzende des Heimatvereins. „5000 Euro Heizkosten sparen wir pro Jahr in der Grundschule und in der Turnhalle“, freut sich Bürgermeister Hans Lehmann (CDU). Und Joseph Wehry vom Heimatverein feixt: „Meiner Frau macht das Baden doppelt so viel Spaß, seit es nur noch halb so viel kostet.“ Ach ja, beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ rechnet sich Wehry mit der „Bioenergiedorf“-Urkunde nun doppelt so viele Chancen aus.

Ruhe strahlt: „Sie finden hier in Lüsche niemanden, der gegen Biogasanlagen ist.“


Tank oder Teller?

Aber Lüsche ist nicht überall.

In einem Konferenzraum in Lohne, knapp 20 Autominuten von Lüsche entfernt, steht Olaf von Lehmden vor einer Leinwand und macht Reklame für das „Multitalent Biogas“. Der 41-Jährige ist Vorstandschef der EnviTec Biogas AG: 411 Mitarbeiter in 16 Ländern, Jahresumsatz 148 Millionen Euro. Einer der Hauptaktionäre der Firma ist übrigens Kunibert Ruhe.

Von Lehmden schwärmt für die Vielseitigkeit von Biogas, „es kann Strom erzeugen, Wärme und Kälte“, er lobt die hohe Energieausbeute: „Sogar die Reststoffe sind als hochwertiger Dünger einsetzbar.“ Aber, sagt er dann, „wir haben ein gewaltiges Problem in der Außendarstellung“.

Tatsächlich gilt „Bio“ in Deutschland nur als gut, solange nicht das Wort „Gas“ dahinter steht.

Das war nicht immer so. Agrar- Professor Dr. Ludwig Theuvsen von der Universität Göttingen sagt: „Von 2004 bis 2007, als die Biogas-Produktion langsam Fahrt aufnahm, war das Image durchweg positiv.“ Erst danach kippte es.

Vor allem zwei Diskussionen hätten der Biogas-Branche geschadet. Die erste ist die „Tank oder Teller“-Debatte: Ist es ethisch verantwortbar, Energieproduktion auf dem Acker zu betreiben?

Die zweite ist die Frage, ob die Energieproduktion andere landwirtschaftliche Produktionszweige verdränge, etwa durch steigende Pachtpreise.

Natürlicher Prozess

Auf dem Bauernhof der Familie Sommer im Norden von Lüsche brüllt Jürgen Tenbrink, Technikvorstand der Firma EnviTec, gegen das Rührwerk der Biogasanlage an; hier wird gerade Maissilage mit 1100 Umdrehungen pro Minute gehäckselt.

„Biogas-Produktion gibt es seit Jahrmillionen in der Natur“, ruft der 45-Jährige, „wir steuern und beschleunigen diesen Prozess nur!“ Mais wird angebaut, aufbereitet und im Fermenter, einem Beton-Behälter, erwärmt, bis durch Vergärung Gas entsteht. In einem Blockheizkraftwerk wird das Gas verbrannt, dabei entsteht Strom und als Nebenprodukt Wärme.

Tenbrink rechnet vor: Ein Hektar Mais entspricht 45 Tonnen Mais, die ergeben wiederum 9000 Kubikmeter Biogas mit einem Heizwert von 47 000 Kilowattstunden. „Das ist so viel wie 4700 Liter Heizöl!“, ruft er begeistert.

Familie Sommer baute die erste Biogasanlage im Jahr 2003, fünf Jahre später folgte die zweite. „Das ist ein zweites Standbein für Landwirte“, erklärt Tenbrink. Oft ist es wohl mehr: Mit Vergütungssätzen von fast 20 Cent für jede ins Netz eingespeiste Kilowattstunde Strom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist die Energieproduktion für Bauern oft lukrativer als ihr gelerntes Handwerk. 2010 waren laut dem Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium bereits mehr als 1000 zumeist landwirtschaftliche Biogasanlagen in Betrieb.

„Grenzen sind erreicht“

Im Konferenzsaal von EnviTec breitet jetzt Finanzvorstand Jörg Fischer, 40 Jahre alt, Zeitungsschlagzeilen aus. „Biogas macht Pommes teurer“ steht da und „Biogas treibt Bierpreis in die Höhe“. Fischer sagt, die Schlagzeilen würden nicht die Fakten wiedergeben: „Nur 5 Prozent der Ackerflächen in Deutschland werden derzeit für Energiepflanzen genutzt!“

Forscher Theuvsen sagt in Göttingen, es habe trotzdem eine Verdrängung von „nicht so profitablen Produktionsbereichen“ gegeben, von Brauerei-Gerste etwa oder Stärkekartoffeln. „Das ist nicht verwunderlich“, findet er: „In Deutschland gibt es ja keine Brachflächen – wenn irgendwo jetzt Energiemais steht, musste dafür etwas anderes weichen.“ Allerdings gebe es regionale Unterschiede: Während im Nordwesten, „wo der Mais sowieso sehr stark ist“, die Grenzen bereits überschritten wurden, gebe es im östlichen Niedersachsen noch Ausbau-Möglichkeiten.

Blick in die Zukunft

Doch inzwischen bremst auch der Staat: Das EEG wird geändert, laut Entwurf soll die Einspeisevergütung für Biogas-Strom gekürzt und die Mais-Nutzung für die Biogas-Produktion auf 60 Prozent begrenzt werden. EnviTec-Vorstand von Lehmden sagt, den klassischen Landwirt als EnviTec-Hauptkunden werde es bald nicht mehr geben. Er wettert: „Das ist Energiepolitik in Richtung der Großen!“ Ständig sei die Rede von Offshore-Windenergie, „aber kein Mittelständler kann Anlagen auf hoher See bauen!“

Dabei leiste die Biomasse mit 7,9 Prozent doch einen höheren Beitrag zum Energieverbrauch als die Windkraft (1,5 Prozent), ergänzt Finanzvorstand Jörg Fischer. Er sagt nicht, dass zur Biomasse auch Holz und somit jeder Kaminofen in Deutschland zählt.

„Die Biogasproduktion wird nicht die dominante Rolle spielen bei der Energiewende“, prophezeit Wissenschaftler Theuvsen, „die Anbauflächen sind nun mal begrenzt.“

EnviTec will nun ein Forschungszentrum bauen; mit Hochleistungsfermentern und modernsten Rührwerken soll die Effizienz der Anlagen gesteigert und der Flächenverbrauch beim Energiepflanzenanbau reduziert werden. „Biogas“, sagt von Lehmden ein bisschen trotzig, „ist Energie der Zukunft!“

Im Lüscher Restaurant „Kalaboush“ kündigt Kunibert Ruhe unterdessen die Vollversorgung an. Er will bald auch Strom und Breitbandinternet in die Dorfhaushalte liefern. „Ende des Jahres könnten wir soweit sein“, sagt er.

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