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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Wie Luther heute noch die Wirtschaft aufmischt

24.12.2016

Oldenburg Heinz Bente steht inmitten seines Spielwaren-Geschäftes, zwischen wandhoch gestapeltem Spielzeug. Der Traum aller Kinder. Spricht man Bente auf die Spielfigur Martin Luther von Playmobil an, ist seine Begeisterung kaum zu bremsen. „Die ist durch die Decke gegangen“, weiß der Fachhändler aus der Oldenburger Achternstraße über den bundesweiten Absatz. Allerdings hatte Bente kein Exemplar im Laden. Auch bei Kollegen in der Stadt oder im Umland – überall das gleiche Bild.

„Martin Luther“ dürfte zwar 2016 die meistverkaufte Spielfigur von Playmobil aus Zirndorf (Franken) sein. Aber das 7,5 Zentimeter große Plastikmännchen macht sich dennoch rar. Grund: Der Vertrieb läuft komplett über die Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg. „Wir haben die Figur gemeinsam mit Playmobil entwickelt“, erläutert Geschäftsführerin Yvonne Coulin in ihrem Büro am Nürnberger Frauentorgraben. Ein Wirtschaftsmonopol im Luther-Jahr sozusagen. Seit dem Start im April 2015 mit 35 000 Luther-Figuren sei nun schon „rund eine halbe Million“ (!) verkauft worden – auch über Museumsshops und Tourist-Informationen. Ein Besuch in der Oldenburger Info an der Schloßstraße ergab aber ebenfalls: „Wir haben leider keine da.“

Dennoch: Der Produktionsboom beim Luther-Bausatz steht symbolhaft für die Wirtschaftsdynamik, die das Luther-Jahr mit sich bringt – von Spielzeug und Städte-Tourismus über den Buchdruck und -handel bis zu Fanartikeln wie Einkaufswagen-Chips. Sogar „Luther-Socken“ wurden gesichtet. Der große Reformator – also auch ein Mann der Wirtschaft?

Tatsächlich soll im Hause Martin Luthers (1483-1546) zwar eher die Ehefrau die Kasse geführt haben. Aber der heute berühmte Gatte sprach in seinen Arbeiten durchaus immer wieder Themen der Wirtschaft an, die damals, in der frühen Neuzeit auch mit berühmten Kaufmannsfamilien eine Blütezeit erlebte. Ein wiederkehrendes Thema dabei: der Wucher.

Der Miniatur-Luther aus Nürnberg zeigt, dass es auch anders geht: Er kann dort für „christliche“ 2,39 Euro (plus Versand) angefordert werden. Was heute
– im Positiven – wirklich wuchert, sind die vielen anderen Geschäftsideen rund um das Jubiläumsjahr des Reformators.

In der Oldenburger Buchhandlung Brader etwa sitzt Firmenchef Joerg Barfknecht im Weihnachtstrubel am Bücher-Abholtresen. Er hat Martin Luther stets im Blick: eine heimelige Ecke direkt gegenüber, in der Dutzende Biografien und weitere Bücher nett arrangiert sind – auch allerlei Luther-Zubehör wie Schuber, sogar Kindersachen mit Janosch-Motiven, Kritisches und Comics. „Das läuft zurzeit sehr gut“, berichtet Barfknecht. „Dreistellig“ sei allein die Zahl der Bibeln in verschiedenen Einband-Varianten, die er in den vergangenen Wochen verkauft habe. Auch Branchenkollegen wie Bültmann & Gerriets oder Thye haben zumindest einen Luther-Büchertisch oder eine Vitrine draußen an der Tür.

„Ganz zufällig im Lutherjahr“ kam in diesem Jahr eine neue, überarbeitete Lutherbibel heraus. Das nutzen nun viele auch in der Region für eine Neuanschaffung, oder als Weihnachtsgeschenk. „Im Moment ist die Jubiläumsbibel vergriffen“, hieß es zeitweilig bei der Deutschen Bibelgesellschaft.

Von diesem Markt kann auch Dirk-Michael Grötzsch ein Lied singen, in seinem Büro bei der Kirche. In vielen Kirchgemeinden sei die neue Bibelausgabe Ende Oktober im Gottesdienst vorgestellt worden. „Diese Neuausgabe ersetzt die zuletzt 1984 überarbeitete Lutherbibel als maßgeblichen Bibeltext der Evangelischen Kirche in Deutschland“, erläutert der Pressesprecher der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg. Und er wagt eine Prognose: „Ich gehe davon aus, dass allein im Oldenburger Land mehrere Tausend Lutherbibeln 2017 gekauft werden – von Kirchengemeinden, interessierten Christinnen und Christen wie auch der Pfarrerschaft“.

Das Lutherjahr mit der neuen Lutherbibel – einschließlich einer „Edition Jürgen Klopp“ für Fußballfans – bringt mithin auch Verlagen und Druck-Industrie gewisse Impulse, wie schon vor 500 Jahren, als Luther wirkte. „Nürnberg war damals die Welthauptstadt des Buchdrucks“, sagt Thomas Schauerte, Kurator der Ausstellung „Deutschlands Auge und Ohr“. „Und ohne Buchdruck wären die Ideen der Reformation nicht in die Welt hinausgetragen worden.“ Und so ist es auch nicht zufällig, dass die Produktion der populären Playmobil-Lutherfigur von Nürnberg aus kontrolliert wird – von der Tourismuszentrale. Aber nicht nur in Nürnberg erwartet diese Branche nun auf Luthers neue Impulse.

An seinen einstigen Wirkungsstätten – voran Wittenberg, wo der Reformator 1517 die Thesen an die Kirchentür anschlug – wurden von Staat und Firmen Millionen in die Verschönerung investiert. Das summiert sich.

Robin Baake sitzt in der Pressestelle des Wirtschaftsministeriums von Sachsen-Anhalt, er berichtet von „Sanierungsarbeiten in dreistelliger Millionenhöhe“, was bereits dem Baugewerbe Impulse gegeben habe. Stark profitieren würden nun 2017 „insbesondere der Handel und das Gastgewerbe“. Zu spüren seien „sehr stark steigende Buchungen“.

Auch Wittenbergs Bahnhof wurde zum Vorzeige-Objekt herausgeputzt. Und die Bahn taufte passend dazu einen nagelneuen ICE 4 erstmals wieder auf den Namen einer Persönlichkeit. Der Name des schönen Zuges versteht sich von selbst: „Martin Luther“.

Auch aus dem Nordwesten werden viele zu Schauplätzen der Reformationsära fahren – auch wenn die in die Höhe geschnellten Hotelpreise abschrecken und die Wittenberg-Connection per Zug ab Oldenburg (4:26 Stunden) zweimaliges Umsteigen erfordert, oder auch mehr.

Aber man kann auch einfach mitfahren. Im Oldenburger Gewerbegebiet Tweelbäke blättert auch Inge Hauer vom Reiseveranstalter „Die Landpartie“ im Katalog für 2017. Man habe aus Anlass des Luther-Jahres „aufregende, erlebnisreiche Reisen per Rad und zu Fuß an die Schauplätze und in die Geschichte der Reformation“ im Programm, erläutert die Geschäftsführerin. Darunter mit der Volkshochschule Oldenburg: eine siebentägige Wanderreise „Stürmische Zeiten“, auf den Spuren Luthers, von der Lutherstadt Wittenberg bis zur Wartburg.

Was die Oldenburger Reise-Managerin wie auch unzählige Kollgen gut finden: Eine Vielzahl von Veranstaltungen, Ausstellungen, Führungen und Events an den historischen Schauplätzen bieten eine „einmalige Chance“, das Thema Reformation und die Gedankenwelt Luthers erfahrbar zu machen, etwa per Rad oder Bus. Das nutzen auch zahlreiche Busreisen-Veranstalter aus dem Nordwesten, wie Janssen-Reisen aus Wittmund („Auf den Spuren Luthers“).

Klar ist: Mindestens bis Ende Oktober wird das Thema „500 Jahre Reformation“ besonders viele Christen bewegen – und für besonders viel Umsatz rund um das Jubiläum sorgen. Auch die kleine Playmobil-Figur „Martin Luther“ dürfte noch weitere Absatzrekorde liefern. Denn über die deutsche Zentrale für Tourismus (DZT), die seit 2008 das Reformationsthema global touristisch vermarktet, wird sie von Nürnberg aus auch ins Ausland geliefert – bis in die USA, sagt Yvonne Coulin von den federführenden Nürnberger Touristikern.

Dass jedoch ein größerer Schwung Luther-Bausätze zum freien Verkauf in den Nordwesten gelangt, bleibt eher unwahrscheinlich. Aber unter den „36 Wirkungs- und Lebensstationen Luthers“, die eine Karte auf dem Playmobil-Beipackzettel verzeichnet, ist eben auch keine einzige in Niedersachsen.

Rüdiger zu Klampen Redaktionsleitung / Wirtschaftsredaktion
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