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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Manche Scherben bringen Glück

02.10.2014

Varel Hier gibt es Reetdachhäuser, vereinzelt Bushaltestellen, Schafe, Deiche. Dahinter Ebbe und Flut. Irgendwo muss es auch eine Fabrik geben. Dafür ist der Ort im Landkreis Friesland bekannt. Da: Ragt ein rotgeklinkter Schornstein in den diesigen Septemberhimmel. Rauch kommt keiner raus. Menschen sind auch nicht zu sehen, aber das muss sie sein, die Friesland Porzellanfabrik in Varel.

Kampfgeist und Kapital

Ein paar Meter hinter dem verlassenen Portierhäuschen weist ein Schild auf Verwaltung und Anmeldung hin. „Herr Apken kommt gleich“, sagt eine Stimme. Sie gehört Angelika Pietsch, Vertriebsleiterin seit mehr als 40 Jahren. Ihre Erinnerungen reichen bis in die Zeit, als hier noch über 1000 Menschen in drei Schichten gearbeitet haben. „Das war vor den Havarien“, sagt ein Mann im dunklen Anzug: Herr Apken ist da. Uwe mit Vornamen, 63 Jahre alt, geboren in Wilhelmshaven, wohnhaft in Oldenburg, Unternehmer, seit 2005 Gesellschafter und Geschäftsführer der Friesland Porzellanfabrik.

Friesland: Geschichte und Gegenwart

Gegründet wurde die Porzellanfabrik Friesland 1953 von Horst Bentz als Teil der Unternehmensgruppe Melitta. 1300 Mitarbeiter produzierten ab 1954 Kaffeefilter, Kaffeekannen, Großfilter für die Gastronomie und Filterpapier. Ein Jahr später kam das erste Kaffeeservice heraus. 1965 wurde die Papier-Fertigung nach Minden verlegt, es folgten erste personelle Rationalisierungen.

Der Markenname Friesland Porzellan wurde 1982 eingeführt. Zehn Jahre später trennte sich Melitta von 70 Prozent der Firmenanteile, die zwei leitende Angestellte übernahmen – 1995 gehörte ihnen dann alles.

Konkurrenzdruck der Billigproduzenten setzte dem Unternehmen so zu, dass es 2005 Insolvenz anmeldete. Heute arbeiten rund 60 Menschen unter dem Gesellschafter Uwe Apken.

„Nicht der erste insolvente Betrieb, den ich übernommen habe“, sagt er. Da gab es die Rohrleitungsfirma in Leverkusen – nach zehn Jahren Wiederaufbau hat er sie verkauft und ist zurück in den Norden gezogen. Um den Scherbenhaufen des pleite gegangenen Vareler Traditionsunternehmens zu retten? „Die Herausforderung hat mich gereizt“, sagt er – „gerade weil es hieß, ich würde doch nichts von Porzellan verstehen.“

Eigentlich wollte Uwe Apken Lehrer werden, dann kam der Einstellungsstopp Anfang der 80er. „Dafür bin ich dem lieben Gott heute dankbar“, sagt er. Erfahrung als Firmenchef hat er mit Fahrrädern, Computern, in der Tiefbau- und Internetbranche, bei Immobiliengeschäften gesammelt. Als er 2005 mit Geld und Hartnäckigkeit in Varel aufgeschlagen ist, stand er vor stillen Maschinen und ängstlichen Gesichtern: Auf 60 Mitarbeiter war das Unternehmen geschrumpft. Die Vorbesitzer hatten wenig zurückgelassen – Kisten mit Material und Rohstoffen, auch Ratlosigkeit. „Übertragende Sanierung“ heißt das auf Unternehmerdeutsch.

„Am Anfang habe ich gedacht, wenn sich alle verstecken, finde ich keinen wieder und bin ganz allein hier“, sagt Uwe Apken und lässt seinen Blick über das Zwölf-Hektar-Grundstück schweifen. Nicht hinter allen Backsteinmauern arbeiten Angestellte der Porzellanfabrik, manche Hallen sind vermietet, andere stehen leer.

In einer herrscht Hochbetrieb – auch nach Schichtende der Arbeiter am Nachmittag. „Moin“, sagt ein Mann in roter Windjacke, stellt sein Klappfahrrad ab und öffnet die Tür zum Werksverkaufshop. Hier reiht sich Teegeschirr an Kaffeekannen, Müslischalen und Zuckerdöschen aus Frieslandporzellan. Es gibt auch Messer, Müllbeutel und Filtertüten. „Mit denen ging es los“, sagt Uwe Apken und erzählt von den Anfängen in den 50ern, als Melitta das Unternehmen in Varel gegründet und mit Porzellanfiltern den Markt erobert hat. „Ein Klassiker – davon stellen wir bis zu 50 000 pro Jahr her“, sagt er. Gut verkaufen sich auch die Service-Serien Jeverland und Ammerland – nicht nur an nordrhein-westfälische Touristen, die sich heute dort mit Vareler Souvenirs eindecken, wo einst Friesland-Angestellte Mittag gegessen haben. Die zum Werksverkaufladen umgebaute Kantine gehört inzwischen zu den wichtigen Standbeinen der Firma.

Handwerk und Hightech

Ein anderes ist das Internet: „Es wird große Veränderungen geben – Vertriebskanäle brechen weg, traditionelle Warenhäuser schließen, Fachhändler sterben aus, das Online-Geschäft gewinnt an Bedeutung“, sagt Uwe Apken. Seit vier Jahren erreicht sein Unternehmen Kunden übers weltweite Netz. Produziert und koordiniert wird von Varel aus. „Links konventionell, rechts Internet“, sagt der Geschäftsführer und zeigt auf die Regale in der Versandhalle, wo Mitarbeiter kartonweise Kaffeeservices reisefertig machen. An den Türschwellen münden Gleise, die sich quer über das Außengelände durch Kopfsteinpflaster fräsen. „Hier sind täglich Waggons rausgefahren“, sagt Uwe Apken und blickt selbst etwas ungläubig den Schienen hinterher.

Der Stillstand hat vor seiner Zeit begonnen, für Bewegung habe der Unternehmer mit Einsparungen, Effizienzsteigerung und Flexibilität gesorgt, sagt er und greift nach einer beigegrauen Wurst aus Ton-Lehmgemisch, die ihm aus der Tassentaktstraße entgegen kommt. Seit dem neuen Firmenchef formt und presst die Maschine Keramikrohmaße mit höherer Drehzahl zu Frieslandklassikern. Die Menschen dahinter bekamen Schulungen. Eingedämmt hat der Geschäftsführer das Sortiment. Manches hat er erfolgreich wiederbelebt – inspiriert von dem, was im Betriebsmuseum steht. „Wir können Porzellan nicht neu erfinden“, sagt Uwe Apken.

Er spricht vom Konkurrenzdruck und Billig-Importen aus Fernost. Von einem sinkenden Schiff aber will er nichts wissen: Die See sei eben stürmisch, das Ruder schwer zu steuern. „Wir kämpfen“, sagt er – „jeden Tag“. Vorsichtig greift er eine frischgegossene Teetasse, die unglasiert an einen Schokoladenhasen erinnert. Bevor es in den Brennofen geht, werden die Nähte von Hand geglättet. Zwei bis vier Tage braucht jedes Stück, bis es alle Produktionsprozesse durchlaufen hat. Uwe Apken reicht den Rohling seiner Mitarbeiterin, fragt nach den Kindern und wie der Urlaub war.

Ein paar Monate, nachdem der Oldenburger das insolvente Unternehmen übernommen hat, sind die Gesichter freundlicher geworden. Bei den Großkunden hat sich seine Courage inzwischen herumgesprochen – in der Gemeinde noch nicht überall. Neulich hat ihm ein Mitarbeiter erzählt, dass der Nachbar morgens gefragt hat, wo er hin wolle und auf die Antwort: „zur Arbeit bei Friesland“, ganz verwundert gesagt hat: „die gibt’s noch?“.

Ende und Anfang

Jahrzehntelang ist Uwe Apken zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg gependelt, zweimal am Tag führte sein Weg vorbei an Reetdachhäusern, Deichen, Schafen und dieser großen Fabrik. Angehalten hat er damals nie. Erst viel später. Und da wusste er: „Ich will das machen, mit allem drum und dran.“ Zur Zukunft gehört auch die Vergangenheit: Fürs kommende Jahr, ist eine Ausstellung im Schlossmuseum Jever geplant. Thema ist die 60-jährige Geschichte des Traditionsunternehmens Friesland.

Lea Bernsmann
Redakteurin
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2106

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