Wilhelmshaven/Rostock - In solchen Momenten klopft das Herz auch bei routinierten Kommandanten höher. Meter für Meter wird der Einsatzgruppenversorger „Bonn“ am Donnerstag durch den Engpass Kaiser-Wilhelm-Brücke in Wilhelmshavens inneren Hafen geschleppt. Zuvor war ein ziviles Frachtschiff bereits „umgeparkt“ worden, um dem 24 Meter breiten und 174 Meter langen grauen Riesen mehr Platz zu schaffen.
Am Bontekai feiert die Marine an diesem Freitag die feierliche Indienststellung der „Bonn“. Die Marine freut sich darüber, dass sie nun drei Schiffe dieses Typs hat – eine deutliche Verbesserung der Einsatzfähigkeit. Jetzt ist auch dann ein Einsatzgruppenversorger verfügbar, wenn die beiden anderen entweder in der Werft oder der Ausbildung sind.
Proporz aufgebrochen
Vizeadmiral Axel Schimpf, Inspekteur der Marine, sieht die Entwicklung mit Zufriedenheit. Der 60-jährige Seeoffizier sitzt in seinem Büro im Marinekommando Rostock und zieht im Gespräch mit dieser Zeitung eine Zwischenbilanz des aktuellen Umbauprozesses. 42 Dienstjahre hat er hinter sich – und eigentlich war immer Umbau oder Aufbruch abgesagt. Seit der Wiedervereinigung ist es jetzt der sechste Umbauprozess.
Es freut ihn sichtlich, dass es der Marine gelungen ist, überzeugend zu erläutern, dass Deutschland in der gegenwärtigen Weltlage eine solide Marine braucht – mit der Folge, dass der alte Proporz zwischen Heer, Luftwaffe und Marine aufgebrochen wurde und die Marine nur geringfügig kleiner wird. Die Zahl der Uniformträger wird sich lediglich von 25 200 auf 24 300 verringern, und da es derzeit viele offene Stellen gibt, ist sogar von Aufwuchs die Rede.
Dass viele Schiffe nur zu 70 bis 80 Prozent besetzt sind, sorgt gleichzeitig für eine angespannte Personallage. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, hat aber für ein völlig neues Kriegsschiffkonzept der Zukunft geführt. Wenn die Marine ab 2016 neue Fregatten des Typs 125 erhält, wird sie über Schiffe verfügen, die bis zu zwei Jahren im Einsatzgebiet bleiben können. Überflüssige Transitfahrten ohne operativen Wert entfallen dann – und da jedes Schiff zwei Besatzungen haben wird, sollen alle vier Monate Personalwechsel vorgenommen werden.
Und beim Blick auf die dann folgenden Schiffe gibt es noch mehr Variationsmöglichkeiten: Beim Mehrzweck-Kampfschiff 180 soll es eine Einheitsplattform geben, die dann mit unterschiedlichen Fähigkeitsmodulen ausgerüstet werden. Auf diese Weise können die Schiffe leichter den Einsatzanforderungen angepasst werden. Eine Fregatte im Anti-Pirateneinsatz hat derzeit beispielsweise viele Fähigkeiten an Bord, die bei der Mission nicht genutzt werden.
Noch weiter in der Zukunft ist am Horizont ein sogenanntes Joint-Support-Schiff zu ahnen. Das soll eine gemeinsame Einsatzplattform für Marine- Heer- und Luftwaffensoldaten werden und auch multinationale Möglichkeiten bieten.
Blick nach vorn
Konkreter sieht die aktuelle Lage bei den Korvetten aus, die einen ausgesprochenen Fehlstart mit fehlerhaften Getrieben und anderen Mängeln hatten. Das ärgerliche Kapitel ist für den Inspekteur allerdings abgeschlossen. Er schaut jetzt nach vorn und stellt fest, dass sich zwei Korvetten im Einsatz vor dem Libanon bestens bewährt hätten. Vom Hersteller nachjustiert würde jedoch das Flugkörpersystem.
Eine klare Entscheidung gebe es inzwischen auch zum Thema Hubschrauber, nachdem man sich aus finanziellen Gründen von dem Konzept eines „Alleskönners“ verabschiedet habe. Jetzt werde der in die Jahre gekommene Sea-King zunächst ersetzt, bevor es später Nachfolger für den Sea-Lynx geben werde.
Noch ungelöst sind komplizierte arbeitsrechtliche Fragen der zivilen Schiffsbesatzungen im Trossgeschwader. Die Tanker und Schlepper dieser Einheit können aufgrund arbeitsgesetzlicher Vorgaben nur sehr beschränkt eingesetzt werden. Man sei allerdings dabei, vernünftige Kompromisse zu finden.
Beim Blick zurück stellt Schimpf fest, er sei dankbar für 15 Jahre Seefahrt – und zwei Kommandantenzeiten: auf einem Schnellboot und einem Zerstörer. Und dafür sei er schließlich Seeoffizier geworden.
