Friesoythe - „Ich mach’ das.“ Ein kurzer Satz nur, etwas unüberlegt dahingesagt. Doch mit ihm waren viele Stunden der Freizeit von Kerstin Kramer auf Jahre hinaus verplant. Was sie anpacken wollte, war das frühere Heim der Familie Pancratz in Friesoythe. Das Haus an der Kirchstraße 13, auch bekannt als Ackerbürgerhaus, gilt als eines der ältesten Gebäude der Stadt. Vor zehn Jahren wurde dessen Zukunft nachhaltig gesichert.
Mit Ecken und Kanten
Der besagte Satz ging Kramer (48), Architektin von Beruf, bereits im Jahr 2000 über die Lippen. Er stand am Ende einer Diskussion über die Zukunft des Hauses. „Reißt es ab und macht einen Parkplatz daraus“, hatten nicht wenige gefordert. Kramer war anderer Meinung. Sie sah ein Zeugnis der Geschichte, gebaut im Jahr 1904, das anders war als viele Gebäude Friesoythes: nicht glatt und austauschbar, sondern mit unverwechselbaren Ecken und Kanten. „Das ist Kultur mitten in der Stadt, im Schatten des Kirchturms.“
Mit den Worten „Ich mach’ das“ stellte sich Kramer an die Spitze derer, die ihrer Meinung waren. Gemeinsam gründeten sie im Jahr 2002 den Verein „Werkhaus Pancratz“ mit Kramer als Vorsitzender. 2004 kaufte die Stadt die Immobilie. Ein Jahr später, im Oktober 2005, nach unzähligen Gesprächen wurde per Vertrag endlich die Basis für die Entwicklung des Hauses geschaffen: Die Stadt überließ dem Verein das Gebäude mietfrei für 30 Jahre, dieser kümmert sich seitdem im Gegenzug um Erhalt und Sanierung.
Sanierung ist Kraftakt
Keine Aufgabe, die man mal eben im Vorbeigehen erledigt. „Das war ein riesiger Brocken“, erzählt Kramer von den eigenen realistischen Erwartungen. Das Haus war ein Sammelsurium von Fotos, Werkzeugen und einfach nur Krimskrams. Alles einfach wegzuschmeißen, kam nicht in Frage. „Jedes Blatt, jede Briefmarke, steht unter Denkmalschutz“, erklärt Kramer. Sie lobt indes die gute Zusammenarbeit mit der Behörde, die dem Haus Pancratz einen „einzigartigen Erlebnis- und Schauwert“ attestiert.
Ebenfalls ein Kraftakt über Jahre ist und bleibt bis heute die Sanierung des eigentlichen Gebäudes. Stück für Stück, sobald das Geld irgendwie zusammen war, wurden Handwerker und Restauratoren durch die Räume geschickt. Johann Pancratz, erster Besitzer des Hauses, war Kirchenmaler. Ebenso sein Sohn Hans. Dementsprechend interessante Wand- und Deckengestaltungen kamen dabei zum Vorschein oder wurden rekonstruiert.
Ziel der Arbeit war stets ein belebtes Handwerkerhaus und kein Museum. Unter dieser Prämisse wurden bald Mieter für die Räume im Erdgeschoss gesucht. „Sie müssen hier arbeiten“, erklärt Kramer die Voraussetzungen. Eine Kunsthandwerkerin, ein Keramik-Atelier sowie Schneider-Designerin Ingrid Bley teilen sich derzeit das Untergeschoss des Werkhauses.
„In Räume verliebt“
Bley ist total begeistert von dem Kleinod, „ich habe mich gleich verliebt in die Räume“. Für die 53-Jährige gab diese Atmosphäre sogar den letzten Anstoß, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.
Kramer macht indes immer noch weiter. Möbel, Lampen, Fotos – die Arbeit reißt nicht ab. Nächster großer Schritt ist der Ausbau der Dachwohnung, der im kommenden Jahr beginnen soll. Hier sollen zum Beispiel Handwerker auf der Walz oder Kunsthandwerker, die für einige Zeit in der Stadt arbeiten, eine Unterkunft finden. „Ich mach’ das“ – dieser Satz wird noch einige Zeit Gültigkeit haben.
