Rodenkirchen - Dauerhaft stabile Milchpreise werden für die Bauern immer ein Traum bleiben. Stattdessen müssen sich auf „wahnsinnige Preisschwankungen“ einstellen. Das sagte Berthold Achler, der Chefredakteur des Magazins Top Agrar, am Donnerstagabend in der Markthalle.
Die Milchquote werde nicht wiederkommen. Das wolle die Politik nicht, und auch die Mehrheit der Bauern sei dagegen, sagte er vor gut 100 Zuhörern. Der Verband Landwirtschaftliche Fortbildung hatte zu seinem Vortrag „Milchkrise 2016 – Was Bauern und Molkereien jetzt lernen müssen“ eingeladen.
In der Tat müssen Milcherzeuger und -verarbeiter viel dazulernen, wenn sie unter Weltmarkt-Bedingungen überleben wollen, sagte Achler. Die Milchquote, die beide schützen sollte, habe viel verdorben. Die Bauern hätten sich zu sehr auf den Staat verlassen und vor allem die großen Genossenschaftsmolkereien in Norddeutschland hätten versäumt, auf attraktive Produkte zu setzen statt auf Masse. Der Grund liege darin, dass die Direktoren der großen Genossenschaftsmolkereien früher nach Milchmenge bezahlt worden seien.
Der Süden liegt vorn
Privatmolkereien aus Süddeutschland zeigen schon seit Jahrzehnten, wie es geht, sagte der Chefredakteur. Sehr gute Beispiele seien die Molkereien Müller, Ehrmann und Bauer, die es geschafft hätten, gefragte Produkte zu kreieren, für die die Kunden gern mehr Geld zahlen. „Wenn der Handel diese Produkte aus seinen Regalen wirft, kauft die Hausfrau woanders“, sagte Achler.
Ein weiteres Beispiel für erfolgreiche Produkte sei der gute – und teure – Käse aus Frankreich. Große norddeutsche Molkereien hätten dagegen auf Billigkäse gesetzt, der am Ende auch auf Tiefkühlpizzen lande.
Kurzum: Die Molkereien müssten aus jedem Kilogramm Milch mehr Wertschöpfung ziehen. Zurzeit gibt es große Unterschiede: Schwache Molkereien erwirtschaften 40 Cent pro Kilogramm Milch, innovative Unternehmen bis zu 1,40 Euro.
Doch die Veränderungsbereitschaft sei noch zu gering, kritisierte Achler: Es gebe kaum Interesse an strategischen Allianzen – etwa Verkaufskontore – und an Preisabsicherungen, etwa über Börsen.
Eine erfolgreiche Genossenschaftsmolkerei sei die niederländische Friesland-Campina, die auf allen Wachstumsmärkten der Welt vertreten sei. Das in der Wesermarsch dominierende Deutsche Milch-Kontor (DMK) werde noch 20 Jahre brauchen, um dahin zu kommen.
Doch auch die Bauern müssten noch viel lernen. Angesichts der verschärften Wettbewerbsbedingungen könnten nur professionell geführte Betriebe überleben, die Anforderungen an die Betriebsleiter würden weiter steigen. Die Bauern müssten ihre Produktionskosten senken, Rücklagen bilden und über ihre Verbände für die Erhaltung der Direktbeihilfen kämpfen, ohne die mancher Betrieb nicht überleben würde.
Kein Dauerkrieg
Zudem müssten sie die Zusammenarbeit mit dem Handel und den Tierschutzorganisationen suchen, weil sie einen Dauerkrieg nicht gewinnen könnten. Mit dem Handel müssten sie neue, attraktive Produkte entwickeln – etwa Weidemilch, Milch aus der Region, Biomilch sowie laktosefreie und gentechnikfreie Milch. Dafür müssten sie Zuschläge aushandeln, die höher seien als die Zusatzkosten. Das gleiche gelte für Tierwohl-Zuschläge.
Zudem müssten sie sich mit Organisationen wie Greenpeace, Foodwatch und WWF an einen runden Tisch setzen und Lösungen erarbeiten, die für sie mehr kostendeckend seien. Und dann müssten sie ihre Öffentlichkeitsarbeit verbessern und die moderne Landwirtschaft erklären. Eine Prognose könne er für die Betriebe dennoch nicht abgeben, sagte Berthold Achler. „Aber das kann ich für andere Berufe auch nicht.“
