Hochaktuell ist das Thema des 50. Gesundheitsforums: „Können neue Medien krank machen?“ Zu der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung hatten die Bezirksstelle Oldenburg der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) und die NWZ am Dienstagabend ins PFL in Oldenburg eingeladen. Das Gesundheitsforum wird seit 25 Jahren von der NWZ im Wechsel mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen und der Ärztekammer veranstaltet.

Wolfgang Grashorn, Vorsitzender der ÄKN-Bezirksstelle Oldenburg, moderierte das Jubiläumsforum und wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass psychiatrische Themen häufig verkannt würden, obwohl sie extrem wichtig seien. Prof. Dr. Alexandra Philipsen, Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der European Medical School (EMS) Oldenburg-Groningen an der Karl Jaspers-Klinik, sowie Dr. Helge Müller, Leitender Oberarzt derselben Uniklinik, informierten zuerst in Kurzvorträgen über die Chancen und Risiken neuer Medien mit einem Schwerpunkt auf sozialen Netzwerken und der Möglichkeit, Drogen über das Internet zu erwerben. Anschließend gingen die beiden Fachärzte für Psychiatrie/Psychotherapie auf Fragen und Anmerkungen aus dem Publikum ein. Hier eine Auswahl:

Haben Sie in Studien eine Differenzierung gefunden, welche Internetseiten von welchen Bevölkerungsgruppen aufgerufen werden? Aus meiner Berufspraxis weiß ich, dass für einige der Klick auf pornografische Seiten ganz normal ist, während andere acht bis zehn Stunden am Tag Serien im Internet ansehen. Für mich ist das ein Hinweis auf eine gesellschaftliche Problematik im Umgang mit Sexualität beziehungsweise ein Art Flucht in eine angenehmere Serienwelt.

PhilipsenEs ist ein klarer Geschlechtseffekt bei der Wahl der Websites zu erkennen. Pornografische Inhalte werden praktisch ausschließlich von Jungs und Männern aufgerufen. Ähnlich wie etwa bei einer Spielsucht wird hier das Belohnungssystem bedient. Besonders anfällig sind Autisten und Patienten mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom).

Mädchen und Frauen sehen sich dagegen eher Serien an, die ihnen eine heile Welt vorspielen, in der alles jederzeit verfügbar ist, und die ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Vor allem emotional instabile Frauen sind hierbei anfällig für ein Konsumverhalten mit Suchtcharakter. Gesellschaftlich problematisch ist zum Beispiel mit Blick auf Sexualität, dass im Netz alles verfügbar und nichts kontrollierbar ist. Man kann alles sehen – was zum Teil unrealistische Erwartungen erzeugt – und nichts mehr selbst entdecken.

Mich beunruhigt vor allem auch die erhöhte Unfallgefahr, wenn 70 bis 90 Prozent der Fußgänger nur noch auf ihr Smartphone schauen.

PhilipsenDass Smartphone-Nutzung eine der häufigsten Unfallursachen ist, ist erwiesen. Dagegen wird verstärkt vorgegangen werden müssen. Gerade Dienste wie Whatsapp erzeugen bei Nutzern häufig das Gefühl, ständig im Netz sein zu müssen, weil jeder sehen kann, ob man online ist und die Nachricht gelesen hat.

Wie könnten die neuen Medien im Internet kontrolliert werden?

PhilipsenIch denke, hier ist ein Balance-Akt gefordert. Eine Situation wie in China, wo das Internet kontrolliert wird, kann nicht gewollt sein. Dagegen sollten wir Mediziner viel mehr in sozialen Netzwerken unterwegs sein, um bessere Einblicke zu gewinnen und Hilfsangebote online zu stellen.

MüllerEine wirkliche Kontrolle ist auch kaum möglich, wie das Dark Net zeigt. Dort bewegen sich Menschen im Internet, ohne dass sich dies nachverfolgen lässt. Entscheidend ist, dass es mehr Präventionsangebote geben sollte.

Frau Philipsen, Sie sagten in Ihrem Vortrag, dass es zu wenig Präventionsarbeit zu Problematiken der neuen Medien an Schulen gebe. Dem kann ich nicht zustimmen. In Niedersachsen gibt es zahlreiche Angebote der Landesmedienanstalt, die zumindest an unserer Schule in mehreren Klassenstufen genutzt werden. Allerdings müssen wir uns die Zeit dafür selbst schaffen.

PhilipsenSehr gut, dass Sie das sagen, und dass es in Niedersachsen diese Angebote gibt. Ich hatte vor allem aus Studien und von Lehrern aus Baden-Württemberg die Information, dass es mehr solcher Angebote geben sollte.

Herr Müller, Sie haben in Ihrem Vortrag die fatalen Folgen des einmaligen Konsums neuer synthetischer Drogen bei zwei Patienten beschrieben. Welche Vorgeschichten hatten diese beiden?

MüllerSie hatten beide keine signifikanten Erfahrungen, keine klassische Drogenkarriere durchlebt. Die einzige Droge, die sie konsumiert hatten, war Cannabis. Vielleicht hatten sie Erfahrungsberichte in sozialen Netzwerken gelesen und es dann auch aufgrund der leichten Verfügbarkeit selbst ausprobiert.