Cloppenburg - Anna (Name geändert) hatte in Polen als Buchhalterin gearbeitet. Dann heiratete sie einen Deutschen. Als die Ehe zerbrach, kam die 48-Jährige als Leiharbeiterin nach Cloppenburg. Sie hat in vielen Firmen gearbeitet, am schlimmsten war es in der Fleischbranche. So sei ein Chef verächtlich mit den polnischen Frauen umgegangen, hätte sie voreinander erniedrigt und angespuckt. Anna nannte er „meine polnische Sklavin.“

„In einer solchen Firma darfst du nicht krank werden. Wer krank wird, fliegt“, erzählt Anna. Als sie ein geschwollenes Bein hatte, schickte sie ihr Chef zum Arzt, wollte aber keine Krankschreibung sehen. Die Schwellung stellte sich als Thrombose heraus. Anna wurde operiert. Als sie aus der Klinik kam, wollte sie aus Angst vor der Kündigung mit dem eingewickelten Bein in den Betrieb. Doch ihr Freund hielt sie zurück. Als sie nach drei Wochen wieder zur Arbeit erschien, folgte die Kündigung. „Und dabei habe ich dort einige Jahre für zwei Personen gearbeitet“, sagt sie. Erhalten hat sie 930 Euro brutto im Monat. Auf der Suche nach Arbeit landete Anna bei einem Paketzusteller. Stundenlohn: 2,50 Euro. Aktuell hat sie eine andere Stelle. Die Arbeit gefällt ihr, doch bekomme sie fast 40 Prozent weniger Lohn als feste Kräfte.

„In Deutschland in einer Fleischerei zu arbeiten, ist eine Katastrophe“, bestätigt ihr Landsmann Jan (Name geändert). Vor sechs Jahren ist der 27-Jährige nach Deutschland gezogen. Wie sein Vater arbeitet er mit Werkvertrag in einer Fleischfirma. Etwa 80 Prozent der Belegschaft hätten solche Verträge. Einige Jahre hat er Fleisch zerlegt. Derzeit fährt er Gabelstapler. In seinem Arbeitsvertrag stehe acht Stunden am Tag. Er arbeite aber oft zehn oder zwölf Stunden. Überstunden blieben unbezahlt. Pro Monat, schätzt er, werde ihm ohne Begründung Lohn für bis zu 40 Stunden vorenthalten. Für die ausbezahlten Stunden bekommt er zehn Euro brutto, netto bleiben ihm im Monat etwa 1200 Euro. Gearbeitet zu allen Tages- und Nachtzeiten, sechs Tage die Woche. Es gibt viele Möglichkeiten, osteuropäischen Arbeitern Geld abzuziehen. In seiner Firma muss eine Strafgebühr zahlen, wer kein deutsch spricht. Wenn sie die Wahl hätten, in Deutschland in der Fleischbranche zu arbeiten oder in Polen zu bleiben? „Wir blieben in Polen“, sagen beide.

Hilfe gefunden hatten sie in der arbeitsrechtlichen Beratungsstelle für osteuropäische Werkvertragskräfte. Mehr als drei Jahre gab es sie im Forum St. Andreas, so Audra Brinkhus-Saltys. Neben ihrem Mann Johannes, der als Arbeitsrechtler jede Woche bis zu 15 Hilfesuchende beriet, engagierten sich andere Frauen und sie, ohne Honorar, etwa als Dolmetscherinnen. Im September wurde die Arbeit eingestellt, der Aufwand war zu groß. Trotz mehrerer Aufrufe hatte sich kein Arbeitsrechtler gefunden, der die Aufgabe übernehmen wollte.

„Ich sehe eine moralische Pflicht der Region, die Beratungsstelle weiterzuführen“, sagt Prälat Peter Kossen (Offizialat Vechta). „Das Krebsgeschwür der Ausbeutung wuchert von hieraus und muss von hier bekämpft werden. Das funktioniert nur, wenn verschiedene gesellschaftliche Gruppen kooperieren.“ Kossen sieht die Wirtschaft in der Pflicht, die Kommunen und die Kirchen: „Wenn alle schweigen, ist das wie Mafia.“