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Marktkrise Milchbetrieben läuft die Zeit davon

Greta Block

Im Nordwesten - Mit insgesamt 500 Millionen Euro will die Europäische Union Landwirten in Not helfen – auf 58 Millionen Euro davon können deutsche Betriebe hoffen (NWZ  berichtete). Der Knackpunkt in der Milchkrise, das ist mittlerweile Konsens, ist die Reduktion der Milchmenge, und zwar europaweit. Auch dafür will die EU Anreize setzen, 150 Millionen Euro stehen bereit. Doch was kommt tatsächlich auf den Höfen an und womit können die gebeutelten Milchbauern rechnen? Die NWZ  hat bei Experten im Oldenburger Land nachgefragt.

Wie genau das Hilfsprogramm aussehen wird, sei noch unklar, sagt Dr. Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer in Oldenburg. Allerdings gebe es einige Elemente, die voraussichtlich enthalten sein würden. Zum einen seien dies Liquiditätshilfen: „Dabei wird den Landwirten sofort verfügbares Bargeld zur Verfügung gestellt, wenn sie einen Kredit aufnehmen. Das wird bezuschusst“, erklärt Bauer. Der Haken: Viele scheuen vor dieser Möglichkeit zurück, da sie durch eine Kreditaufnahme Schulden machen müssen, um die Unterstützung zu bekommen.

Geld erst im Frühjahr

Ein weiterer Punkt seien finanzielle Anreize für Betriebe, die Milchmenge zu reduzieren. 14 Cent pro nichtproduziertem Kilogramm Milch hat EU-Agrarkommissar Phil Hogan in Aussicht gestellt. „Die Summe wird vermutlich pro Betrieb gedeckelt sein“, schätzt Bauer, „außerdem gilt das Windhundprinzip – wer zuerst einen Antrag stellt, bekommt Geld, wer zu spät kommt, hat Pech“, erklärt er. Anträge könnten ab September gestellt werden, das Geld soll im nächsten Frühjahr fließen. Welche Behörde zuständig sein wird, sei noch unklar.

Um die Auswirkungen der Milchkrise abzufedern, würden auch alte Instrumente fortgeführt werden: Die private Lagerhaltung, bei der die Molkereien für eine bestimmte Menge Magermilchpulver, die sie nicht auf den Markt bringen, einen Zuschuss von der EU bekommen, und die öffentliche Lagerhaltung, bei der die EU das Pulver aufkauft und einlagert. Außerdem gebe es im Krisenfall eine Ausnahme vom Kartellrecht, so Bauer. Dann sei eine Mengenabsprache unter den Molkereien erlaubt, um den Preisverfall zu begrenzen.

Um die Milchmenge zu reduzieren, müsse allerdings im europäischen Kontext gehandelt werden: „Man müsste europaweit bei den Ländern mit den größten Mengen-Steigerungen ansetzen, das sind Irland und die Niederlande. Die machen bisher allerdings keine Anstalten, die Menge zu reduzieren“, schildert Bauer das Problem. Seiner Ansicht nach müsse Deutschland zusätzlich Geld in die Hand nehmen, um die Milchbauern zu unterstützen.


Schnelle Hilfe benötigt

Das fordert auch Frank Feuerriegel, Marktreferent für den Milchbereich beim niedersächsischen Landvolk. „Bund und Länder sollten die EU-Mittel aufstocken, um die Betriebe zu entlasten.“ Das Landvolk begrüße das Hilfspaket, und dass dafür zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt wurden, allerdings wäre wünschenswert gewesen, dass die Hilfen schnell und unbürokratisch bei den Landwirten ankommen, so Feuerriegel: „Die Betriebe brauchen die Hilfen jetzt, und nicht in ein paar Monaten.“

Die 150 Millionen Euro, die an Maßnahmen zur Mengenreduzierung bereitstehen, seien „eine symbolische Bestätigung für das, was auf dem Markt schon stattfindet“, so Feuerriegel. Die Landwirte hätten bereits reagiert, die Milchmenge liege aktuell zwei Prozent unter dem Vorjahreswert. „Staatlich verordnete Mengendisziplin lehnen wir ab“, sagt Feuerriegel, vielmehr müssten die wirtschaftlich Beteiligten, also Molkereien und Lieferanten, sich abstimmen.

Dass das neue Hilfspaket das Übel nicht an der Wurzel packt, davon ist Ottmar Ilch-mann, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), überzeugt. „Es wäre vermessen, irgendwelche Hilfen abzulehnen, es bleibt aber ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Die AbL plädiere seit Langem für ein Anreizsystem, einen Bonus für Bauern, die weniger produzieren – die geplanten 14 Cent seien allerdings viel zu wenig. „Wir müssen massiv die Menge zurückführen. Auf freiwilliger Basis funktioniert das nicht, wir brauchen ein Anreizsystem. Da ist wieder eine Chance vertan worden“, so Ilchmann. „Für viele Betriebe ist es jetzt schon zu spät.“

Kaum Entlastung

Ähnliche Kritik kommt vom Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM): Das Hilfspaket werde keine wirksame Entlastung bringen, meint Vorsitzender Romuald Schaber. „Daran ändern auch die 150 Millionen Euro für ein EU-weites Programm zur Mengenreduktion nichts. Fatal ist außerdem, sich mit der Ausarbeitung dieses Programms bis nach der Sommerpause Zeit zu lassen. Die wirtschaftlichen Probleme der Betriebe pausieren nicht einfach während der Sommermonate, sondern verschärfen sich weiter“, warnt Schaber.

Dabei könne jeder Landwirt mit einfachen Maßnahmen seine Produktionsmenge reduzieren, erklärt Ottmar Ilchmann. Eine Milchkuh gebe rund 25 Liter am Tag, das entspreche einer Jahresleistung von 7000 bis 8000 Litern. Bekommt die Kuh weniger Kraftfutter, reduziere sich die Menge pro Tag schon um ein bis zwei Liter. Eine weitere Möglichkeit sei es, Kälber mit Kuhmilch zu füttern – in der Regel bekommen sie Milchaustauscher aus pflanzlichen Komponenten, so Ilchmann. „Das sind ganz einfache Maßnahmen, mit denen jeder seine Milchmenge um sieben bis zehn Prozent senken kann.“

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