Im Nordwesten - Frische Milch direkt vom Erzeuger – das gibt es an immer mehr Standorten in ganz Deutschland. Auch im Nordwesten stellen sich viele Landwirte Milchtankstellen auf den Hof, an denen der Verbraucher die Milch selber zapfen kann. Direktvermarktung ist das Stichwort, das in Zeiten der Milchkrise an Bedeutung gewinnt.
Über eine „sehr gute“ Resonanz freut sich etwa Sigrid Rothe, die seit Dezember mit ihrem Mann auf dem gemeinsamen Hof in Wiefelstede (Landkreis Ammerland) eine Milchtankstelle betreibt. Durchschnittlich 50 Liter fließen pro Tag aus den Milchtanks in die Flaschen der Kunden, schätzt Rothe, allerdings seien die Abgabemengen tagesabhängig sehr unterschiedlich.
„Wir haben viele Stammkunden, die die frische, unbehandelte Milch schätzen“, weiß Rothe. Dafür legen die Kunden auch einen Euro pro Liter auf den Tisch – gut für die Landwirte, die so deutlich mehr pro Liter bekommen als von den Molkereien mit aktuell 20 bis 25 Cent. Die niedrigen Milchpreise waren auch für Familie Rothe der Grund, eine Milchtankstelle anzuschaffen. Allerdings: „Es ist ein guter Zuverdienst, aber damit es finanziell wirklich etwas bringt, müssten wir mehr verkaufen.“ 25 000 Euro hat die Einrichtung der Milchtankstelle insgesamt gekostet.
Über eine steigende Resonanz freut sich auch Meike Boltes, auf deren Hof am Freesenweg in Oldenburg seit zwei Monaten eine Milchtankstelle steht. „Wir möchten die Nähe zum Verbraucher und ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit machen“, begründet Boltes die Anschaffung. Natürlich sei auch der niedrige Milchpreis ein Grund, auch auf dem Hof der Boltes, die 120 Kühe halten, kostet ein Liter Milch einen Euro. „Wir haben schon Stammkunden, aber auch immer wieder neue Kunden“, so Boltes. Der Geschmack und auch die Vermeidung von Verpackungsmüll seien für viele Gründe, ihre Milch an der Tankstelle zu holen.
Der Deutsche Bauernverband hat keine konkreten Zahlen, wie viele solcher Apparate es mittlerweile bundesweit gibt – bestätigt aber, dass sich immer mehr Milchbauern solche Geräte zulegen. Internetportale wie „milchtankstellen.de“ oder „milchautomaten-direktvermarkter.de“ listen zwischen 164 und 244 Standorte bundesweit auf. „Es gibt locker noch 600 weitere“, sagt Dirk Hensing, der den Vertrieb für den nordrhein-westfälischen Hersteller Risto Vending in Deutschland organisiert und das Milchtankstellen-Portal betreibt. „Ich gehe davon aus, dass noch mehrere Tausend hinzukommen in den nächsten Jahren.“ Täglich würden im Schnitt zwei neue Milchtankstellen von Risto eröffnet.
Auch andere Hersteller sprechen von einer stark gestiegenen Nachfrage. „Seit Anfang 2016 hat das extrem angezogen“, sagt Alfred Bruni. Sein Unternehmen Brunimat in der Schweiz stellt nach eigenen Angaben seit 22 Jahren Milchautomaten her – in der einfachsten Ausführung ab etwa 5000 Euro. Die Produktion sei stark erhöht worden, dieses Jahr dürften es über 500 verkaufte Automaten werden.
Für die Bauern ist der Verkauf in Bezug auf den Preis pro Liter lukrativ. Dennoch: Der Verkauf von Rohmilch direkt an Verbraucher wird die Misere am Milchmarkt wohl nicht lösen. „Das rettet uns Bauern nicht“, meint Udo Folgart, Chef des Fachausschusses Milch beim Deutschen Bauernverband. Der Boom solcher Automaten sei angeheizt worden durch den anhaltenden Preisverfall. Deswegen hätten sich Bauern vielerorts Gedanken gemacht, wie sie dem begegnen können. „Das wird eine Nische bleiben.“ Denn richtig lohnen würde sich ein Automat nur an stark frequentierten Standorten.
Rohmilch darf laut Gesetz allerdings nur im Erzeugerbetrieb abgegeben werden, belebtere Standorte beispielsweise vor Supermärkten fallen damit weg. Das Problem wird auch im Bauernverband diskutiert, ist aber noch nicht abschließend bewertet, berichtet Folgart. Aus seiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn die bisherigen Regelungen gelockert würden, um mehr Direktvermarktung zu ermöglichen.
