Bokeloh/Oldenburg - Als Filmemacher ist Johannes Schulte noch neu im Geschäft, und ehrlich gesagt: Das sieht man seinen Filmen an. Das Bild wackelt, die Hauptdarsteller sind schlecht ausgeleuchtet, und auf der Tonspur sind am lautesten Schultes Regieanweisungen zu hören: „Ganz runddrehen! Weiter! Weiter!! Bis zum Anschlag!!!“ (Es geht um den Lichtschalter.)
Johannes Schulte, 44 Jahre alt, ist ausgebildeter Landwirt. „Überzeugungstäter“, sagt er stolz: 365 Tage Arbeit im Jahr, „sonntags, Weihnachten, Schützenfest“. Sein Hof in Bokeloh (Landkreis Emsland) ist ein Familienbetrieb, gegründet 1923 vom Urgroßvater, „drei Kühe, zwei Schweine, zehn Hühner“, weiterentwickelt von Großvater, Vater und Sohn bis zur heutigen Größe, „140 000 Hähnchen, 260 Sauen, 100 Hektar Ackerbau“. Vielleicht führt auch Schultes Sohn (16) den Hof eines Tages weiter, ganz klar ist das aber noch nicht: „Er will wohl – weiß aber noch nicht, ob er sich das antun soll.“
Schultes Sohn meint: den Ärger. Die Beleidigungen. Beschimpfungen. Behauptungen: dass Landwirte Tierquäler seien. Umweltzerstörer. Krankmacher.
„Das sind wir nicht!“, sagt Johannes Schulte: „Die konventionelle Tierhaltung ist nicht so, wie sie in Filmen von Peta oder Soko Tierschutz dargestellt wird.“
Und deshalb dreht Landwirt Schule jetzt seine eigenen Filme.
„Guckt in die Ställe!“
Das Licht geht an. Schultes Hauptdarsteller sind klein, gelb und flauschig, die jüngsten noch nicht einmal einen Tag alt. „Am Morgen geschlüpft“, sagt Schulte; er hat die Einstallung von 40 000 Masthähnchenküken in Stall 4 gefilmt. Vorher hat er auch das Desinfizieren des Stalls gefilmt, das Einstreuen, die Anlieferung der Küken, alles zu sehen im Internet. Später will Schulte das Ausstallen filmen und auch wohl mal Trauriges, zum Beispiel das Rausnehmen von toten Tieren. „Wir wollen keine schöne Bilderbuchwelt zeigen“, sagt er. „Wir wollen einfach nur fair behandelt werden.“
Der Familienbetrieb Schulte ist Mitglied im Landesverband der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW) mit Sitz in Oldenburg. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass die Geflügelbranche einen miesen Ruf hat.
Friedrich-Otto Ripke (62), der Verbandspräsident, sieht es so: „In Deutschland gibt es 300 000 Tierhalter – und 80 Millionen Tierhaltungsexperten.“ Ripke, CDU-Mitglied, war Staatssekretär im Niedersächsischen Landwirtschaftsministerium. Jetzt versucht er, das Image der Geflügelbranche aufzupolieren. Er ist davon überzeugt, dass das nur geht, wenn man den Leuten sagt: „Guckt in die Ställe!“
Zuerst dachte der NGW an Webkameras. Aber 24 Stunden Standbild, häufig nachtgrau? „Das bringt’s nicht“, glaubt Ripke. So entstand die Idee der Kameratagebücher: Tiermäster nehmen bei der Arbeit eine Kamera mit in den Stall, „die Leute sollen ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen“. So der Plan.
Der Haken: Es fehlt an filmwilligen Tiermästern.
Ripke versteht das: „Das ist ja auch nicht ohne Risiko, sich aktiv zu zeigen. Machen wir uns nichts vor: Es gibt Druck auf die Tierhalter und ihre Familien.“
20 Kameratagebuchbetriebe sollen es werden, mittlerweile gibt es zwei: Familie Schulte im Emsland (Hähnchen) und Familie Hüsing im Landkreis Cloppenburg (Puten). Familie Hüsing fängt gerade erst an mit der Filmerei und steht derzeit nicht für Pressebesuche zur Verfügung. Familie Schulte wohl.
„Es reicht!“, verkündet Schulte, „wir wehren uns!“
Zuerst gab es eine Ferienpassaktion. Dann Schulbesuche auf dem Hof. 4000 Besucher am Tag des offenen Hofes. Und jetzt für alle: das Kameratagebuch im Internet.
„Das sieht hier aus wie Fort Knox“, räumt Schulte ein. Das liege nicht daran, dass die Tierhalter etwas zu verbergen hätten, sondern: am Baurecht. Umweltrecht. Seuchenschutz.
Er geht voran, Stall 4: Überziehschuhe überstreifen, durchs Desinfektionsbad waten, Schutzoverall anziehen, Haarnetz aufsetzen, ein zweites Paar Überziehschuhe.
Nackte Tatsachen
Die Küken aus dem Film sind inzwischen drei Wochen alt. „Nicht das schönste Alter zum Zeigen“, findet Anna Wilke (33), NGW-Mitarbeiterin und zuständig für die Kameratagebücher im Internet. Das Federkleid ist unvollständig, es gibt viele nackte Stellen. Aber geht es im Kameratagebuch nicht genau darum?
Landwirt Schulte erklärt: Hähnchen können sich nur auf zwei Arten vor Hitze schützen – durch Hecheln und durch Verlust des Federkleides. „Eine Hitzeperiode, und ich habe lauter nackte Tiere im Stall.“ Nackt – nicht krank. Neulich, sagt Schulte, war da ein komplett nacktes Tier im Stall. Er hat es gefangen, mit der Kamera in der Hand („das war gar nicht so leicht“), und vor der Kamera untersucht: „Ich wollte zeigen, dass es da kein einzige Verletzung gibt.“
In einem Stall hat Schulte drei Hähnchen markiert: eines grün, das zweite blau, das dritte rot. In den nächsten Tagen hat er sie dann mit der Kamera verfolgt, „ich wollte zeigen, dass sie durch den ganzen Stall wandern können und das auch tun“. Der Stall ist 2000 Quadratmeter groß; manchmal, sagt er, musste er die drei Tiere lange suchen.
Einmal hat Schulte eine Leiter mit in den Stall genommen, um seine Hähnchen von oben zu filmen. „Ich wollte zeigen, wie viel Platz da ist zwischen den Tieren.“
Und noch etwas will er zeigen: das Verhältnis zwischen Tier und Tierhalter. „Das Huhn ist ein Fluchttier“, sagt Schulte, „aber wenn ich in den Stall komme, dann fliehen die Tiere nicht. Die erkennen mich.“ Schultes Frau Maria (45), im Betrieb zuständig für Schweine und nur vertretungshalber im Geflügelstall unterwegs, nickt neidvoll: Bei den Hühnern kommt ihr Mann einfach besser an, „da kann ich machen, was ich will“.
Ein dickes Fell
Schulte hat viel vor: Er will das Gespräch mit dem Tierarzt filmen, er will filmen, wenn Keimproben gezogen werden. Er wird die Filme nach Oldenburg schicken, wo Anna Wilke sie nach und nach ins Internet stellt. Und ja: Besser sollen seine Filme auch werden, heller und wackelfrei, „wir fangen ja erst an“.
Es ist doch so, sagt Johannes Schulte: Wer Biofleisch essen will, soll Biofleisch essen. Wer sich vegetarisch ernähren will, soll sich vegetarisch ernähren. Wer vegan leben will, soll vegan leben. „Aber ich wünsche mir, dass jeder seine Entscheidung aufgrund von Tatsachen fällt – und nicht aufgrund von Bildern, die nicht die Wahrheit zeigen.“ Er ist überzeugt: Seine Filme zeigen die Wahrheit – Filme von Peta und Soko Tierschutz tun es nicht.
Und wenn es Ärger gibt, wo jetzt jeder seinen Namen in der Zeitung und im Internet lesen kann? Beleidigungen? Beschimpfungen? Behauptungen: dass das alles geschönt sei? Dass Johannes Schulte nur den besten Stall zeige? Dass Anna Wilke nur die schönsten Bilder im Internet veröffentliche? „Ich habe ein dickes Fell. Und wer uns nicht glaubt, der soll herkommen und selber gucken.“
