• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Mit grüner Logistik auf Erfolgsschiene

13.01.2017

Aurich /Magdeburg Es ist 16.50 Uhr, Christian Stavermann fährt gerade im Magdeburger Stadtteil Rothensee, parallel zur Elbe, auf das dortige Werk des Windkraftanlagenbauers Enercon aus Aurich zu. Da gerät er am Lenkrad in Verzückung. „Das ist er“, freut sich der Logistik-Fachmann aus Rhauderfehn. „Das“ – damit ist ein bunt zusammengestellter Güterzug der Eisenbahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg (e.g.o.o.) gemeint, der ihm mit Tempo 20 auf einem Gleis an der Straße entgegen zuckelt, auf dem Weg zum Knotenpunkt der Magdeburger Hafenbahn. Und dann geht es zum „Nachtsprung“ mit einer grünen Enercon-Lok auf die Fernstrecke, Richtung Aurich.

An Bord ist Fracht für Ostfriesland. Die Ziele liegen meist im weiteren Umland der Enercon-Zentrale, es sind etwa der Turmbau bei WEC, die Gießerei GZO, die Rotorblattfertigung oder auch der Verladepunkt in Dörpen/Ems und der Emder Seehafen. Diese tägliche Verbindung hin und zurück zwischen Magdeburg und Aurich (in beiden Regionen beschäftigt Enercon direkt und indirekt rund 4500 Menschen) ist ein Kern des Bahnbetriebs. Aber nicht nur: Die e.g.o.o. fährt mit ihrem „Ems-Isar-Express“ auch täglich – „mit 100 Prozent Ökostrom“ und „CO2-neutral“ bis München, mit Europa-Anschluss. Täglich sind mehr als 25 Züge auf diversen Strecken unterwegs. Und die Ostfriesen, als „Werkbahn“ mit eigener Fracht am Start, wollen noch mehr transportieren – gern auch für andere Firmen.

Loks und 450 Waggons

Für 2017, das neunte Jahr nach dem Betriebsstart, werden mit mehreren Loks und mehr als 450 Waggons verschiedenster Art rund 1,6 Millionen Tonnen Fracht angepeilt, nach etwa 1,5 Millionen Tonnen im Jahr 2016. Der Anteil der Güter, die für andere Auftraggeber transportiert werden, soll weiter wachsen, über die bereits erreichten 25 Prozent hinaus.

Erfolgstory

Die Ursprungsstrecke der Bahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg (e.g.o.o.) geht von Aurich nach Abelitz an der Strecke Norddeich-Emden. Diese war stillgelegt. Regionale Firmen setzten sich für die Reaktivierung ein, schufen den Namen.

Seit 2007 unterstützt die e.g.o.o. Enercon: Man transportiert u.a. Komponenten für Windkraftanlagen zwischen Standorten und Richtung Aufbauort.

2008 wurde der Betrieb offiziell gestartet, etwa zum Emder Hafen. Heute verkehren über 25 Züge täglich, bundesweit.

2012 begann das Geschäft mit externen Kunden. Ein Vorzeigezug ist der tägliche Express via Dörpen nach München.

„Was wir dabei machen, ist Fracht vom Lastwagen auf die Schiene zu holen“, erklärt die Bahn-Geschäftsführerin Ursula Vogt aus Aurich. Das ist eines ihrer zentralen Argumente, um im Wettbewerb zu punkten, neben Kosten, Umfang und Qualität der eigenen Dienstleistungen.

Die Nachhaltigkeit des eigenen Tuns war schon beim Start des regelmäßigen Betriebs 2008 ein wichtiger Aspekt – neben dem Transportbedarf der wachsenden Gruppe. Umweltverträgliche Logistik passt zu den Unternehmensleitlinien von Enercon, als Keimzelle der Ökostrom-Branche. Und nun entdecken immer mehr Firmen das Thema, auch zur Außendarstellung, weiß Christian Stavermann, der als Prokurist „Verkehr/Betrieb“ bei der e.o.o.g. leitet. Sogar die Münchner Brauerei „Erdinger“ fahre ihr Bier mit der Enercon-Bahn in den Nordwesten.

Stavermann hat auch stets einige Zahlenreihen parat, um System-Vorteile anschaulich zu machen. Etwa: Mit einem Zug spare man schnell mal 40 (oder mehr) Lastwagenfahrten ein – und vermeide den Großteil der bisherigen Emissionen. „Großes Volumen auf einmal statt Riesen-Convoi auf der Straße“, bringt Thijs Schless aus Aurich, Leiter der Enercon-Beschaffungslogistik, die Sache auf den Punkt. Immer mehr Firmen wollten „grüne Logistik“. Man stecke nicht im Stau und könne mit der e.g.o.o. auch Sperriges unkompliziert transportieren.

Trotz solcher Vorzüge stagniert der Anteil der Schiene am (wachsenden) Güterverkehr bei 17 oder 18 Prozent, klagt Peter Westenberger, Geschäftsführer beim Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE/Berlin), in dem Konkurrenten der Bahn AG (DB Cargo) organisiert sind. Immerhin wächst innerhalb dieses Kuchenstücks der Anteil der Privatbahnen. Er überschritt 2016 die Marke von 40 Prozent. Das Wachstum dieser Bahnen mache „das Wachstum im Schiengüterverkehr überhaupt aus“. Es habe 2016 prozentual stärker zugelegt als die Lkw.

Es könnte aber mehr sein. Die Lobbyisten von NEE fordern bessere Bedingungen. Sie präsentieren zur Bundestagswahl Forderungen, etwa: „Deutschland-Takt“ mit entsprechendem Ausbau der In­frastruktur; Halbierung der Trassenpreise zur Verbesserung der Chancen gegenüber der Straße; Innovationsförderung für Logistik-Lösungen.

Bei der Eisenbahngesellschaft Ostfriesland-Oldenburg (62 Mitarbeiter), die profitabel arbeitet, setzt man auf eigene, aufgebaute Stärken.

Es sei gelungen, die e.g.o.o. zu einem vollwertigen Eisenbahnverkehrsunternehmen am Markt zu machen, sagt Geschäftsführerin Ursula Vogt über die Aufbauarbeit. Dazu gehören auch verlässliche Abfahrts- und Ankunftszeiten und die Bereitschaft, auf individuelle Kundenbedürfnisse einzugehen. Dafür nutzt man auch die eigenen Erfahrungen der Enercon-Logistiker mit Schwerlast-Transporten und Übermaßen, erläutert Vogt.

Kombi-Lok Strom/Diesel

Selbst zum Kiestransport für Betonwerke hat die e.g.o.o. Spezialwissen – auch Waggons sowie künftig eine spezielle Lok (Strom und Diesel).

Zudem treibt man den Ausbau von eigenen Knotenpunkten („Hubs“) voran. Dort sollen kleinteilige Ladungen, auch von Lkw, zu ganzen Zügen werden – das ist effizient. Heute sind Knoten in Emden/Aurich, Lippstadt, Dörpen, Ludwigshafen und München.

Und natürlich Magdeburg, mit mehreren Enercon-Werken. Auch an diesem Abend ist dort wieder der tägliche Zug nach Aurich unterwegs, zusammengestellt unter Gesamtleistung von Uwe Brückner. Er ist seit Jahrzehnten Eisenbahner – und typisch für die Erfolgsstory der e.g.o.o.: Die junge Bahn holte viel Erfahrung an Bord. Dazu gehört auch Christian Stavermann, dem der Zug an diesem Abend entgegen zuckelt: Er kam aus der Logistik des Papierriesen UPM zu Enercon.