Wahnbek/Oldenburg - Ob sie denn das Bundesverdienstkreuz gar nicht haben wolle, wurde Hanna Hullmann am Telefon gefragt. Die 73-Jährige war gerade von einem längeren Aufenthalt aus Berlin zurück nach Wahnbek im Kreis Ammerland gekommen. Und da lag er noch, ungeöffnet, mit dem Rest der Post: Der graue DIN-A4-Umschlag, der Anlass für ihren nächsten Abstecher in die Hauptstadt sein sollte.
„Ich wusste gar nicht, worum es ging“, sagt die Leiterin von UNICEF Oldenburg und lacht. Inzwischen weiß sie, warum es geht – und sie ist immer noch überrascht. Am Montag soll ihr in Berlin das Bundesverdienstkreuz im Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, verliehen werden.
Kein Schaufenster, nur ein zurückhaltendes blaues Schild mit der Aufschrift „UNICEF“ verweist an der Oldenburger Pestalozzistraße mit einem Pfeil auf den Hinterhof. Hanna Hullmann öffnet die Tür zu einem Büro, das aus zwei kleinen Zimmern besteht. „Die Miete erwirtschaften wir selbst“, erklärt sie. Darum bieten die Räumlichkeiten nur das Nötigste.
In den Regalen stapeln sich abgepackt bunte Grußkarten, neben dem Schreibtisch steht ein Stapel Pakete. So bescheiden wie die Räumlichkeiten ist auch die Leiterin.
Wofür sie denn diese hohe Auszeichnung wohl bekomme? Hanna Hullmann überlegt. Sie habe sich die Begründung ja durchgelesen. „Die Auszeichnung bekomme zunächst einmal nicht ich, sondern unser Team. Wir haben 14 Mitarbeiter in Oldenburg“, erklärt sie. Gemeinsam würden sie für notleidende Kinder beständig 70 000 Euro pro Jahr an Spenden erwirtschaften. Das sei, gibt selbst die bescheidene Leiterin zu, keine geringe Summe.
„Ach ja“, fällt der 73-Jährigen noch ein weiterer Aspekt ein. „Ich habe auch eine neue Gruppe mit acht Mitarbeitern in Delmenhorst gegründet“, erzählt sie. Und die – Hullmann lacht ein sympathisches Lachen – hätten sogar ein Schaufenster. Das Bundesverdienstkreuz nimmt Hullmann zusammen mit 25 weiteren Personen entgegen, darunter auch Prominente wie Schriftstellerin und Regisseurin Doris Dörrie und „Prinzen“-Sänger Sebastian Krumbiegel.
Seit 1992 ist Hullmann nun schon bei UNICEF. Vor 15 Jahren, im Jahr 1997, hat Hullmann die Leitung der Arbeitsgruppe Oldenburg übernommen. „Nachdem meine beiden Töchter aus dem Haus waren, habe ich überlegt, wo ich mich engagieren könnte“, sagt sie.
Sie hätte auch wieder in den Beruf einsteigen können, stattdessen entschied sie sich, ehrenamtlich zu arbeiten. Sie wollte nicht für Vorgesetzte arbeiten – sondern für eine gute Sache. „Besonders wichtig ist mir das Projekt ,Schulen für Afrika’. Bildung ist der Ausgangspunkt für die gesamte Entwicklung“, sagt sie. Besonders für die Mädchen sei das wichtig – „und das hat nichts mit Feminismus zu tun“, sagt sie. Grundsätzlich gelte, je gebildeter eine Frau sei, desto weniger Kinder bekomme sie. Kinder gelten in ärmeren Regionen auch als Altersvorsorge.
Nach ihrer Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin ist die gebürtige Schleswig-Holsteinerin viel herumgekommen, hat in einer Hamburger Kinderklinik gearbeitet und war zuvor sogar ein Jahr lang an der Wall Street im Börseninformationsdienst, 1969 war das. Ihr Mann ist Arzt, ihn lernte sie ihn Hamburg kennen, gemeinsam zogen sie ins Ammerland.
Es klingelt. Zwei Mitarbeiter treten ein und beginnen, die Pakte einzuladen. „Wir sind wie in jedem Jahr mit einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt auf Schloss Gödens vertreten, da werden die jetzt hingebracht“, erklärt Hullmann. In diesen Tagen wird auch sie dort am Stand stehen und die bekannten bunten Grußkarten verkaufen.
An der Wand im hinteren Büroraum stapeln sich die Akten. Acht bis zehn Jahre lang muss Hullmann die Unterlagen für das Finanzamt aufbewahren. 75 Prozent einer verkauften Karte sind reiner Spendenanteil.
Im Winter ist besonders viel los – Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Das UNICEF-Team organisiert Ausstellungen und Aktionstage, ist mit Schulen in Kontakt und ist immer wieder mit einem Stand auf Festen und Basaren vertreten. Hullmann zeigt auf einen rosafarbenen Stuhl, der eine merkwürdige Form hat.
„Den finde ich klasse. Das ist der Busenstuhl“, sagt sie. Schüler der Realschule Eversten haben ihn gestaltet. Ihre Aussage: Lieber auf die Schönheits-Operation verzichten und stattdessen für Afrika spenden. Wenn sich junge Menschen für die Hilfsprojekte begeistern können, geht Hanna Hullmann besonders das Herz auf.
Am Sonntag geht es mit der Familie los nach Berlin, ihr Mann und ihre beiden Töchter werden bei der Verleihung dabei sein. „Und das beste ist“, sagt Hullmann mit einem schelmischem Lächeln, „der Bundespräsident zahlt sogar das Hotelzimmer“. Hanna Hullmann freue sich über die Auszeichnung, vor allem für ihr Team. Aber dafür mache sie die Arbeit nicht. „Ich mache das für die Kinder. Für die Ärmsten auf dieser Welt.“
