Oldenburg - Dieser Lärm: Stampfen. Toben. Klappern. Jede Nacht.
Die ersten Nächte bin ich noch aufgestanden und nach unten gegangen, um nachzuschauen. Ganz vorsichtig natürlich; es hörte sich nämlich an, als ob eine mehrköpfige Einbrecherbande soeben unser Haus plünderte. Aber unten war nie jemand.
Dann kapierte ich: Der Lärm kam gar nicht von unten. Da stampfe jemand über den Spitzboden. Tobte in der Zwischendecke. Klapperte unter den Dachpfannen. Ein Bekannter sagte: „Klarer Fall. Ihr habt einen Marder.“
Einen Marder?
Nachfrage beim Nabu am Oldenburger Schlossplatz. Rüdiger Wohlers, der Nabu-Geschäftsführer, empfiehlt: Rufen Sie beim Otterzentrum in Hankensbüttel an, mit Mardern kennt sich keiner besser aus in Niedersachsen.
Beim Otterzentrum?!
Große Sprünge
Am Telefon lacht Dr. Hans-Heinrich Krüger. Er erklärt: Es gibt hundeartige Raubtiere wie Wolf und Fuchs. Es gibt katzenartige Raubtiere wie Luchs und Wildkatze. Es gibt marderartige Raubtiere wie Fischotter und – richtig: Marder. Und ja, es gibt erheblichen Beratungsbedarf, sagt Krüger, denn Marder sind überall. Allen voran die Steinmarder.
Wir präsentieren: den Steinmarder. Ein kleines Raubtier (kein Nagetier!), ein bis zwei Kilogramm schwer, Körperlänge vielleicht 50 Zentimeter (mit Schwanz), schönes Fell, früher einmal sehr wertvoll und deshalb intensiv bejagt.
Der Marder kommt ursprünglich aus Vorderasien und ist ein sogenannter Kulturfolger: Er hält sich gern in der Nähe von Menschen auf. In unseren Häusern ist es schön warm. Zu Essen geben wir ihm auch reichlich: Süße Früchte auf dem Komposthaufen, im Winter Meisenknödel am Band. Am liebsten aber bringt sich der Marder selbst Essen mit: Ratten, Mäuse, Igel, Tauben. Der Marder ist ein toller Jäger, ein begnadeter Kletterer, Sprünge von 1,60 Meter Höhe sind kein Problem für ihn. Ja, er sieht auch gut aus. Niedlich, eigentlich.
Als Mitbewohner im Haus ist so einer aber die Pest. Er ist laut. Er zerstört die Isolierung. Er stinkt. Er richtet sich feste Latrinen ein (irgendwann sickert es gelblich durch die Decke, warnt Dr. Krüger). Er schleppt Tierleichen ins Haus (Dr. Krüger kennt Fälle, in denen Maden durch Deckenöffnungen geplumpst sind).
Manchmal schleppt der Marder auch lebende Tiere ins Haus.
Eines Nachts quiekt bei uns ein Beutetier in seinem Todeskampf, erbärmlich. Meine Frau schließt sich im Badezimmer ein, sie kann es nicht ertragen. Es ist 3 Uhr früh.
Am nächsten Tag sagt sie: So ein Marder mag ja ein tolles Tier sein. Aber er muss weg. Jetzt sofort!
„Fangen“, sagt Hans-Heinrich Krüger, „ist sinnlos.“ Erstens müsse man sich an die Jagd- und Schonzeiten halten. Zweitens beziehen Marder feste Reviere. „Und ist ein Marder weg, steht sofort der nächste vor der Tür.“
Es sei denn: Unser Haus hätte in Marderkreisen einen miesen Ruf. Das könnte kurzfristig helfen. Der Fachbegriff dafür lautet: Vergrämung.
Jens Kleinekuhle, 47 Jahre alt, Jäger, Diplom-Biologe, ist ein professioneller Mardervergrämer. Er macht natürlich auch noch andere Sachen; mit seinem Biologischen Institut Oldenburg (BIO) erstellt er Fachgutachten über Reptilien, Amphibien oder Nachtfalter, er gibt auch Seminare, zum Beispiel über die Krähenjagd. Aber Marder, sagt er, beschäftigen ihn das ganze Jahr über. In Oldenburg, 160 000 Einwohner, leben tausende Marder.
Ortstermin. Kleinekuhle hat seinen Jagdhund dabei, einen Deutsch Kurzhaar. Der Hund erstarrt: Da, der Baum, die Regenrinne, die losen Dachpfannen, das könnte ein Mardereingang sein. Kleinekuhle positioniert eine Kamera, tarnfarben.
Ein paar Tage später kommt Kleinekuhle wieder. Die Kamera hat tatsächlich ausgelöst. Auf einem Schwarzweißfoto blickt er verdutzt in die Linse: unser Steinmarder. Wir einigen uns auf einen Vergrämungstermin.
Lärm und Gestank
An einem Mittwoch klingelt es. Vor der Tür stehen zwei Männer, dunkle Overalls, hinten drauf ein Marderbild, der Marder ist rot durchgestrichen: Thomas Holle, 56 Jahre alt, Biologe, und Frederik Kleinekuhle, 17 Jahre alt, Sohn des Chefs. Frederik ist für Teil 1 der Mardervergrämung zuständig, für die Akustik. „Das wird nicht schön“, sagt er und lächelt freundlich, „für den Marder nicht und für Ihre Nachbarn auch nicht.“
Frederick baut auf dem Dachboden eine Musikanlage auf. Die CD, die er einlegt, gibt es nicht im Musikalienfachhandel. „Mardermusik“, sagt er. Die CD posaunt eine Fanfare. Der Rest ist Pfeifen. Blubbern. Lärmen. Tiergeräusche. Getöse, schlimmer als jeder Marder. Auf der Straße bleiben Leute stehen.
Frederik schleppt zwei Panzergranatenhülsen auf den Dachboden und einen Hammer. Er hämmert. Teil 2 der Vergrämung: Vibration. Unser Kater traut sich vorerst nicht mehr ins Haus.
Eine Stunde lang lärmt Frederick Kleinekuhle. Der Zweck: Der Marder soll eine Angstmarkierung absetzen. Die warnt später andere Marder: Hier ist es furchtbar.
Damit wären die Mardervergrämer bei Teil 3 angelangt: Geruch. Draußen stellt Thomas Holle eine Leiter ans Haus. Er sprüht das ganze Dach mit einer Substanz ein, die auch zur Nachbarvergrämung taugt. Auf der Straße gehen die Leute weiter.
Was das für eine Substanz ist, verraten die Mardervergrämer nicht: „Betriebsgeheimnis“. Ihn erinnere der Geruch an eingeschlafene Füße, sagt Holle, „aber das ist ja subjektiv. Hauptsache, der Marder findet es doof.“ Ebenso wie die anderen geheimen Duftstoffe, die Jens Kleinekuhle, der Chef, wenig später in einer Styroporkiste anschleppt. Acht bis zehn davon verteilt Holle an „strategisch wichtigen“ Punkten unterm Dach. „Die“, verspricht Kleinekuhle, „wirken nachhaltig.“ Die nächsten Jahre, sagt er, sollte damit Ruhe sein.
Frederik steigt vom Dachboden. Sein Trommeln ist nicht unbemerkt geblieben: „Der Marder ist eben an mir vorbei gesprungen!“, berichtet er. Das Tier hat sich nun in der Zwischendecke versteckt, es wird die nächste Gelegenheit zur Flucht nutzen. Manchmal, berichtet Thomas Holle, sieht ein Mardervergrämer die Tiere über die Straße rennen.
Endlich Ruhe
Die geheimen Duftstoffe, die Arbeitsstunden, Fahrtkosten: Mardervergrämung ist nicht billig, der Einsatz wird mit einem dreistelligen Betrag zu Buche schlagen. Die Rechnung will Kleinekuhle erst schicken, wenn er sicher ist: Der Marder ist weg.
Beim Otterzentrum sagt Dr. Krüger: Langfristig hilft gegen Marder nur marderfeindliches Bauen. Er empfiehlt: Kletterranken entfernen (haben wir). Bäume, die zu nah am Haus stehen (haben wir ebenfalls). Weidezäune im Dachbereich anbringen (haben wir nicht). „Eigentlich“, sagt er, „fängt es bei den Dachdeckern an. Die müssen Häuser so bauen, dass kein Marder reinkommt.“ Viereinhalb Zentimeter genügen dem Marder zum Reinschlüpfen.
Seit einer Woche herrscht nun Ruhe bei uns. Auf dem Dachboden stinkt es noch ein bisschen, aber das soll ja bald aufhören. Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Marder ein neues Haus in der Umgebung bezieht, liegt Fachleuten zufolge bei annähernd 100 Prozent.
