Rastede - In diesem Jahr gilt noch stärker als vor Corona: Für viele Ausbildungsbetriebe wird es schwieriger, neue Azubis für sich zu gewinnen. Wo kann man ansetzen? Viele Ideen werden ins Spiel gebracht.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schlug kürzlich als mögliche Maßnahme „die Einrichtung von flächendeckenden, attraktiven Azubi-Wohnheimen in Form von Azubi-Appartements“ vor. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell meinte: „Wenn unsere Gesellschaft mehr Fachkräfte braucht, dann muss sie auch dafür sorgen, dass die Auszubildenden mobiler sein können und sich in der Nähe des Ausbildungsbetriebes eine Miete leisten können.“
Tatsächlich spielt nach Einschätzung von Ausbildungs-Experten auch die räumliche Distanz zu ihren möglichen Ausbildungsbetrieben eine Rolle bei Entscheidungen von suchenden Jugendlichen. Oft ist ein potenzieller Ausbildungsbetrieb zu weit entfernt und/oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu schwer zu erreichen. Ein eigenes Fahrzeug anschaffen will und kann nicht jeder. „In manchen Fällen ist auch das Bereitstellen einer Wohnung sicherlich ein Anreiz für eine Bewerbung“, sagt denn auch der Oldenburger Arbeitsagentur-Chef Dr. Thorsten Müller, der zudem auch „ein gutes Arbeitsumfeld, gute Rahmenbedingungen und eine gute Vergütung“ einbezieht. Grundsätzlich sei es eben wichtig, sich „möglichst attraktiv aufzustellen“.
Allerdings - flächendeckend Wohnheime, wie sie der DGB anregt, vielleicht staatlich? Es geht es auch anders.
Einige (wenige) Unternehmen sind längst weiter. Dazu zählt die Bäckerei Müller & Egerer in Rastede (Ammerland). Sie bekam kürzlich „grünes Licht“ vom Gemeinderat für ein ungewöhnliches Bauprojekt. Konkret: Hinter dem einstigen Stammhaus sollen an einem angedachten „Campus“ elf günstige Wohnungen für Auszubildende und Mitarbeiter/innen entstehen - standortnah zum Hauptsitz des Unternehmens (65 Filialen), das mehr als 750 Mitarbeiter/innen hat.
Bereits seit 2019 hat das Handwerksunternehmen ein Angebot für den Nachwuchs in Bremen: eine Wohnung mit vier Schlafzimmern und einem großen Wohnbereich mit offener Küche, erklärt Personalleiterin Eva Flaspöhler. Sie befinde sich über der Caféfiliale in der Bremer Feldstraße „Wir wollen den Auszubildenden einen Mehrwert bieten und unsere Attraktivität erhöhen“, erläutert Marketing-Leiterin Annika Weise.
Es sei doch so: „Viele Azubis pendeln zu ihrem Ausbildungsbetrieb und sind dadurch auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Dadurch kann der Arbeitsweg aufgrund von weiteren Entfernungen und/oder frühem Schichtbeginn schwer zu bewältigen sein. Indem wir günstigen Wohnraum vor Ort schaffen, können wir betroffene Azubis zielgerichtet unterstützen.“ Aber man setzt auch noch früher an: Mit dem Wohn-Angebot könne man „auch attraktiv für potenzielle Azubis werden, die für den Ausbildungsstart erst herziehen müssten“. Das Unternehmen hat mehr als 30 Auszubildende.
Wohnraum bereitstellen - das ist in der Wirtschaft nicht absolut neu. So gibt es auch in der Region WG-Projekte oder Wohnheime, wie bei EWE in Oldenburg. Auch bei Semco in Westerstede erwägt man angesichts knapper Wohnungen und hoher Mieten, aktuell ein Wohnungsprojekt für Nachwuchskräfte, wie Semco-Chef Hermann Schüller kürzlich in einem Gespräch mit unserer Zeitung sagte.
Bisher standen bei solchen Projekten in Deutschland oft eher etablierte Mitarbeiter/innen im Fokus, und das auch eher in Metropolen. Aber nun? Mitarbeiterwohnen hat sich „inzwischen von einer Nische zu einem etablierten Mittel moderner Unternehmens- und Personalpolitik entwickelt“, sagte Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft (GdW).
Die Zahl „bezahlbarer“ Werkswohnungen wird heute auf 100 000 geschätzt, allerdings mit stark steigender Tendenz, berichtete die „FAZ“. Der Bedarf sei „immens groß“, so die Verbands-Chefin. „Die Wirtschaft kann hier einen erheblichen Beitrag leisten und beispielsweise auch Grundstücke, die nicht mehr für den Betrieb erforderlich sind, bereitstellen.“
Im Prinzip macht das auch Müller & Egerer so, mit dem Gelände am Stammhaus. Die Politik will Wohnprojekte künftig offenbar unterstützen. „Wir erwarten, dass die Bundesregierung ihr angekündigtes Förderprogramm für junges Wohnen schnell auf den Weg bringt“, sagte DGB-Vorstand Stefan Körzell. Angeblich geht es um „dreistellige Millionenbeträge“. Im Koalitionsvertrag hatten die Ampel-Parteien vereinbart, ein Bund-Länderprogramm „für studentisches Wohnen, für junges Wohnen und Wohnen für Auszubildende“ aufzulegen.
Bundesbauministerin Klara Geywitz hatte zuletzt in einem Interview mit dem DSW-Journal des Deutschen Studentenwerks gesagt: „Ich möchte das Programm Anfang 2023 an den Start bringen.“ Dabei hatte sie günstige Wohnmöglichkeiten auch für Azubis betont.
