MUMBAI - Mit Höchstgeschwindigkeit rast der klapprige Bus durchs nächtliche Mumbai (vormals Bombay). Rote Ampeln straft der Fahrer mit Missachtung. Mopeds hupen, Fußgänger springen zur Seite, Taxis klappen die Spiegel ein. Wer in Indien bremst, hat verloren. Auf Schlaglöcher folgen kleine Wellen, dann wieder Schlaglöcher. Einige Abgeordnete klammern sich an die Sitze.
Mit Vollgas durch die Stadt
Die Suche nach der schlechtesten Straße müsse ausgedehnt werden, scherzt der Abgeordnete Ronald Schminke (SPD). Angesichts der Straßenverhältnisse in Mumbai könne die SPD ihre Kampagne in der Heimat einstellen, schallt es aus CDU-Reihen zurück. Das Arabische Meer taucht zwischen den Wolkenkratzern auf. Der Bus fliegt seinem Ziel entgegen.
Für die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses ist es die erste Reise nach Indien. Sie erleben ein Land voller Gegensätze, das schon in den ersten beiden Tage tiefe Eindrücke hinterlässt. Auf der einen Straßenseite schicke Autohäuser, in denen Nobelkarossen verkauft werden, gegenüber die Wellblechhütten eines Slums. Rechts die modernen Glaspaläste der Börse, links kämpfen Menschen täglich ums Überleben. Indien ist ein reiches und gleichzeitig ein armes Land. In der Wirtschaftsmetropole mit ihren rund 20 Millionen Einwohnern leben angeblich 21 Dollar-Milliardäre und mehr Millionäre als in Manhattan. Fast 60 Prozent der Bevölkerung hausen jedoch in Elendsvierteln, leben von der Hand in den Mund.
Trotz aller sozialen Probleme scheint der Aufstieg des Vielvölkerstaates unaufhaltsam. Indien sei bei der Kaufkraft bereits die Nummer vier in der Welt, hören die Ausschuss-Mitglieder bei der Landesregierung von Maharashtra, dem drittgrößten Bundesstaat der Indischen Union, dessen Hauptstadt Mumbai ist. Indien werde mit einem durchschnittlichen Wachstum von 5,5 Prozent jährlich bis 2020 die Nummer eins in der Welt sein, heißt es bei der deutsch-indischen Handelskammer. „Mumbai gilt als die Speerspitze der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes“, erklärt der stellvertretende deutsche Generalkonsul, Bernd Forster.
In der niedersächsischen Delegation hört man die Fakten mit Erstaunen und Entsetzen. „Wenn wir nicht aufpassen, haben die uns bald überholt“, sagt ein Abgeordneter. Wirtschaftsausschuss-Chef Karl-Heinz Bley (Garrel) hält tapfer dagegen, erzählt dem Industriekommissar von Maharashtra vom Wachstum in Niedersachsen und der „Spitzenstellung unter den deutschen Flächenländern“. Selbst seine CDU-Parteikollegen lächeln milde.
Natürlich wollen die Niedersachsen bei ihrem Besuch vor allem etwas über das Engagement von niedersächsischen Unternehmen in Indien erfahren. VW hat ein Werk im benachbarten Pune. Die norddeutsche Landesbank Nord/LB macht gute Geschäfte in Indien – wie auch die Hannover Messe. Ansonsten scheinen die Beziehungen ausbaufähig. „Die müssen mehr tun“, schimpft Ernst-August Hoppenbrock (CDU) über die Arbeit der niedersächsischen Auslandsvertretung N-Global. Andere pflichten bei.
Aufstieg nach der Pleite
Doch spätestens beim Besuch der Außenhandelskammer wird den Abgeordneten deutlich gemacht, dass Indien ein riesiger Markt ist, der auch niedersächsischen Unternehmen große Chancen bietet. „Indien war 1991 pleite“, berichtet Hauptgeschäftsführer Bernhard Steinrücke. Jetzt profitiere Deutschland vom Aufstieg.
Dann sitzen die Politiker wieder im Bus, in einem neuen. Der andere hat nach der rasanten Nachtfahrt den Geist aufgegeben. Es hupt, es knattert, es stinkt. Am Tag geht es in den restlos überfüllten Straßen Mumbais nur langsam vorwärts – aber irgendwie geht es in Indien immer vorwärts.
