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Rollentausch Nachhilfe mit viel Taktgefühl

Lea Bernsmann

Hude - „Banua-jou-nini-ja-ho“, ich lasse die Hüften kreisen und klatsche in die Hände. Wie ungewohnt ich dabei aussehe, lässt mich ein Blick zu meiner Rechten und Linken vermuten. Die 34 Männer und Frauen um mich herum tun es mir gleich. Oder andersrum: ich versuche, mich in ihrem Takt zu bewegen. Sie sind schließlich die Profis. Und als solche müssen sie sich erstmal aufwärmen, bevor sie loslegen.

Denn was nach afrikanischem Stammesgesängen klingt, gehört zu den Stimmübungen, die Alfred Stalling zu Beginn jeder Chorprobe mit den Mitgliedern des Huder Singkreises Langenberg macht. „Einsingen ist wichtig, Sportler rennen ja auch nicht einfach los“, erklärt er mir, bevor es los geht: „Du kannst dann in die zweite Reihe gehen.“ Gut, denke ich, da kann ich mich ein bisschen verstecken.

Etwas Sorge, dass mein fehlendes Gesangstalent hier im Clubraum des Hauses am Bahnhof auffällt, habe ich schon. Einige meiner „Hintermänner“ sind mir schließlich mit um gut 60 Jahre Chorerfahrung voraus.

Frauen in der Überzahl

Aber ich bin wagemutig. Zwischen Schützenpokalen, Ölschinken und Kupferstichen, in heimeliger Vereinsatmosphäre, tönt es laut und falsch aus meiner Kehle. Während meine eher intuitiv gewählte Stimmlage – Sopran? – den vierstimmigen Chorklang etwas verformt, senkt meine Anwesenheit wenigstens den Altersdurchschnitt maßgeblich.

Duzen darf ich trotzdem alle. „Das machen wir hier so“, sagt Edith Schwarting. Die Vorsitzende ist 1979 zu dem Männergesangsverein (MVG), der ab diesem Zeitpunkt gerade keiner mehr war, gestoßen. Als erster gemischter Chor der Gemeinde nennt sich der Singkreis noch immer MVG. Der Tradition wegen – immerhin wurde er 1905 gegründet. Inzwischen besteht der Chor zu einem Drittel aus Frauen. „Uns gehen die Männer aus“, seufzt die 73-Jährige. Die letzten singenden Mohikaner bestellen jetzt Bier bei der Wirtin, die ebenfalls alle beim Vornamen nennt, scherzen und holen ihre Notenblätter hervor. Es kann los gehen.

Vor uns steht Alfred Stalling und macht ein Gesicht, als ob er mal dringend müsste. Wir sollen mitmachen und uns dabei über die Wangen streichen. Tonlos vorerst. Gehört alles zum Aufwärmen.


Selbstzweifel

Tatsächlich entspanne ich mich dabei zusehends: Nach einer halben Stunde ist meine Angst vor der anschließenden Blamage deutlich geschrumpft. Dunkel habe ich Szenen längst vergangener Schulaufführungen vor Augen, in denen ich redlich bemüht war, den theatralischen Gesten meines Musiklehrers zu folgen und dabei nicht wusste, wohin mit meinen Händen. Triangel spielen war, mangels rhythmischen Gespürs, auch keine Lösung. Über die wenigen Gottesdienstbesuche meines Lebens habe ich mich mit lautlosem Lippen bewegen hinweg gerettet.

Laut singen geht eigentlich nur beim Autofahren. Ohne Beifahrer versteht sich. Und selbst das versuche ich zu vermeiden. Außer es geht nicht anders. Bei einem Überholmanöver zur Selbstberuhigung. Oder, wenn ich den CD-Player ganz laut drehe. Falls plötzlich unterbrechende Verkehrsmeldungen mir dann jäh verdeutlichen, wie talentfrei ich bin, werde ich immer traurig. Wie gern wäre ich eine tolle Sängerin. Stundenlang habe ich früher vor dem Spiegel zur Kuschelrock-CD meiner Mutter für den großen Auftritt geübt. Die Überzeugung, auf der Bühne zu gehören, teile ich offensichtlich mit meiner ganzen Generation. Zumindest können sich die schier unsterblichen Casting-Shows nicht über Nachwuchssorgen beklagen. Gesangsvereine schon.

Nachwuchssorgen

„Uns fehlen neue Mitglieder. Vor allem junge Leute“, sagt Alfred Stalling – „dabei ist Singen gefragter denn je“. Der 50-Jährige vermutet als Begründung: „Bindungsängste“. Vereinsmitglieder haben Verpflichtungen. Regelmäßiges Proben ist nur eine, aber auch die Wichtigste. „Einen Chorklang rauszukriegen, bedeutet Arbeit“, erklärt der gelernte Landmaschinenmechaniker.

Dass die vielleicht mühsam, aber auch sehr kurzweilig sein kann, erfahre ich an diesem Abend selbst. Nachdem wir unsere Stimmbänder gedehnt haben, verfliegt die Zeit „Sim-sa-la-bim-bamba-saladu“ mit dem Lied vom Kuckuck. Das kann ich, denke ich stolz. Stallings Hinweis: „die mit den Fähnchen sind Deine“, wirft mich jedoch wieder völlig aus dem Takt. „Du bist Sopran“, sagt er. Also der Rhythmus, wo ich mit muss. Von Notenlehre habe ich keine Ahnung. Das geht dreiviertel der Teilnehmer hier genauso, beruhigt mich der Chorleiter.

Jeder lernt singen

Und noch was sagt er: „Ich kann nicht, gibt es nicht – wer sprechen kann, kann auch singen. Und für alles Andere bin ich da.“ Er lächelt aufmunternd und ich glaube ihm fast. Zumindest, bis er „Ave Maria“ anstimmt und ich zwischen all den ambitionierten Hobbysängern irgendein Kauderwelsch vor mich hinmurmeln muss.

Auch bei „Cockels and mussels“ sinkt meine Euphorie. Weil der Singkreis Langenberg aber ein ebenso aufmerksamer wie gastfreundlicher Verein ist, hab ich einen Wunsch frei. „Was einfaches“, sage ich und es geht für uns „Auf die Lauer, auf die Mauer“. Meine Laune bessert sich schlagartig und ich verstehe, was Edith Schwarting meint, als sie sagt: „Singen ist zweitrangig. Es geht um die Gemeinschaft.“

Alfred Stalling, der von morgens bis abends ein Lied auf den Lippen hat, findet sogar: „Wer nie singt, weiß nicht, was er verpasst“. Vielleicht hat er recht. Auf dem Heimweg im Auto probiere ich es. Richtig laut und auf der Überholspur: „Banua-jou-nini-ja-ho“.

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