Wildeshausen - 8000 Kilometer hat der Wildeshauser Michael Witten (66) bislang mit dem Containerschiff „Marco Polo“ zurückgelegt. „Ich habe bisher eine fantastische Reise hinter mir“, schreibt er in einer E-Mail am Donnerstag an die NWZ -Reaktion. Als Höhepunkte bezeichnet er die Ladeaktivitäten in den europäischen Häfen, die bei guter Sicht erfolgte Gibraltar-Durchfahrt mit dem Blick auf zwei Kontinente, Malta mit dem Ausflug nach La Valletta, die umfassende Besichtigung der größten Schiffsmaschine der Welt und die Tagesfahrt durch den Suez-Kanal.
Freitag vor Anker gehen
„Ich genieße an Bord die vielen Eindrücke und das positive Miteinander als ’Crew-Mitglied’ und freue mich auf unseren nächsten Hafen Al Khor Fakkan in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Norden von Oman. Wir werden ihn Freitagnachmittag erreichen.“
Wie berichtet, dauert die rund 20 000 Kilometer lange Schiffstour 60 Tage. Für seine 33 Quadratmeter große Kabine mit Vollverpflegung zahlt er 130 Euro pro Tag. Von Hamburg geht es über Rotterdam, Zeebrügge und Le Havre nach Malta und Khor Al Fakkan in den Arabischen Emiraten. Ziel ist Yantian. Dort wird Witten jedoch nicht aussteigen, sondern noch ein Stück der Rücktour über Busan in Korea und Shanghai bis zum malaysischen Port Kelang mitfahren. Nahe der Hauptstadt Kuala Lumpur ist das Hotel für drei Tage gebucht, bevor es per Flugzeug heim geht.
In sein Tagebuch vom 3. August hat Witten notiert: „Der Wüstensand lässt grüßen. Überall brauner Sand. Sicht durch meine Kabinenfenster stark eingeschränkt. Außentemperatur brennende 36 Grad und weiterhin eingeschränkte Sand-Sicht; trotzdem ist für mich um 5.30 Uhr Tagesbeginn im mit salzigem klaren Seewasser gefluteten Pool. Tut gut.
Bis Mitternacht haben wir den 40. Breitengrad bereits passiert und sind am Montagmorgen schon fast auf der Höhe von Massawa (Eritrea ) und der vorgelagerten Inselgruppe an Steuerbord.“
4. August, 19.Tag: „Wir atmen wieder freien Seeraum im Golf von Aden. Der Himmel scheint wieder seine normale blaue Farbe anzunehmen und auf der Marco Polo werden die Sandspuren der vergangenen zwei Tage mit dem Hochdruckreiniger den ganzen Tag entfernt. Gestern habe ich noch einen Kessel Buntes gewaschen.“
Zwei runden ums Schiff
„Auf der Brücke ist die 360- Grad-Welt wieder in Ordnung. Der Horizont auf See fasziniert den Abenteurer in mir immer wieder. Das gilt besonders, wenn das Meer so ruhig und leer ist. Nach dem Mittagsschläfchen folgt das Fitnessprogramm: Zwei schnelle Runden ums Schiff: macht 1,6 Kilometer. Danach in die Muckibude, eine halbe Stunde in die Pedale getreten. Da läuft der Schweiß. Neben mir trainieren unser Kapitän und der Chef-Ingenieur.
Unser Kurs liegt jetzt 30 Seemeilen von Yemen und 70 Seemeilen von Somalia entfernt. Piraten nicht in Sicht. Die Wache ist angewiesen, den Ausguck zu intensivieren. Das Radar wird sowieso nicht aus den Augen gelassen. Im Übrigen beteuert man immer wieder: Für einen Angriff ist dieses Schiff zu schnell und zu hoch, aber man weiß ja nie!“
5. August, 19. Tag: „Mit einem Kurs von 60 Grad schieben wir uns an der jemenitischen Küste entlang und erreichen die omanischen Gewässer. Um 13 Uhr wird uns wieder eine Stunde genommen und alle Uhren werden entsprechend vorgestellt.
Am heutigen Tag bewältige ich einen Großteil des fast 800-seitigen von Freunden mitgegebenen Romans „Der kleine Freund“ bei offenem Fenster und angenehmen Temperaturen und einer frischen Seebrise, die das Schiff bei circa drei bis fünf Meter hohen Wellen doch leicht bewegt. Am Abend dann ein erstes Telefonat über Viber-App und angeschlossenem Schiffs-Intranet. Beste Gesprächsverbindung zum günstigsten Tarif.
Gegen 20 Uhr noch mal auf die abgedunkelte Brücke. Ein Blick in den arabischen Sternenhimmel runden den heutigen Tag nach dem Genuss einer guten Zigarre und eines Gläschen Rotweins zu meiner vollsten Zufriedenheit ab.“
