NEERSTEDT - „Ein halbes Jahr in Singapur“, schoss es mir durch den Kopf, als ich die Zusage für das „Praxissemester im Ausland“ erhalten habe. Als ich dann Mitte März aus dem Flieger stieg und rein ins Multi Kulti und die schwüle Hitze Südostasiens bin, musste ich mich zu Beginn doch mächtig an diese Umstellung gewöhnen. Nicht nur plötzlich sichtlich einer „Minderheit“ anzugehören, sondern auch den ganzen deutschen Alltag umzuwerfen und eine neue Lebensweise anzunehmen, fiel mir in den ersten Wochen schwer.
Hier wird allein aufgrund des Klimas hauptsächlich drau?ßen gelebt, gegessen, sich miteinander getroffen und ausgetauscht. Da hört man Sprachen von Malaiisch über Englisch (oder auch Singlisch genannt, da hier gerne ein Touch Singapurisches Flair mit eingebaut wird) und Mandarin bis hin zu Tamil. Nicht ohne Grund wird Singapur auch der „melting pot“ Südostasiens genannt und steht damit für Kulturvielfalt, Toleranz und eine gro?ßartige Auswahl an asiatischen und indischen Gerichten, die man an den sogenannten Hawker Centern bereits für zwei bis drei Euro kaufen kann.
Der Grund meines Auslandsaufenthalts ist das Praxissemester mit der damit verbundenen Bachelorarbeit innerhalb meines Chemietechnik-Studiums, das ich gerne in Asien absolvieren wollte. Da ich von dem Fünf-Millionen-Stadtstaat mit einer Fläche vergleichbar der von Hamburg immer Gro?ßartiges gehört hatte und diese Stadt eher westlich geprägt ist, wollte ich diesen Schritt wagen und bereue es keineswegs.
Nachdem ich mir das Praktikum über eine Initiativbewerbung in einer kleineren singapurischen Firma selbst organisiert hatte, konnte es dann auch Mitte März mit der Literaturrecherche, den ersten Labortests und einem etwas neuartigen Arbeitsalltag beginnen. Hier wird direkt ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung als selbstverständlich angesehen, womit ich zu 95 Prozent in Eigenregie meine Arbeiten, Laboranalysen und Testmethoden erarbeite und durchführe. Dadurch kann die Arbeit manchmal aber auch sehr eintönig und stupide scheinen, wenn man 9½ Stunden mit drei Leuten in einem Büro sitzt, aber nur drei Mal am Tag Worte wechselt.
Viele Singapuris arbeiten fünf bis sechs Tage die Woche an die 50 Stunden. Dazu kommen 15 Tage Urlaub und ein mir häufig begegneter Freizeitausgleich mit viel Technik, Computerspielen und das geliebte Smartphone. Dabei ist das Sightseeing Angebot in Singapur mehr als ausreichend: Strand, Urwald, Shopping, etliche Sportmöglichkeiten, Gro?ßstadt-Feeling und ein exzellentes Nachtleben befinden sind auf engstem Raum. Zudem kann man an einem Wochenende einfach, schnell und günstig zu benachbarten Ländern und traumhaften Inseln reisen. Es wird einem also nie langweilig, und ich bin begeistert wie viele Facetten dieses Land mit ihren überaus freundlichen Landsleuten zeigen kann.
Nachdem nun bereits fast zwei Monate wie im Flug vergangen sind, blicke ich den kommenden Monaten mit Freude entgegen. Es warten sicherlich noch einige wichtige Erfahrungen in der asiatischen Arbeitswelt auf mich, spannende und atemberaubende Momente in der Zeit nach dem Feierabend.
