Neuenburg - 17 Jahre alt war Johannes Grantz, als er im Juni 1939 in Bremerhaven an Bord des Luxusliners Columbus ging, um dort als Elektroinstallateur zu arbeiten. Was er damals nicht ahnte: Erst sechseinhalb Jahre später sollte er wieder in die Heimat kommen. Aus dieser Zeit stammt die Weihnachtskarte, die er 1940 an seine Eltern im Kreis Cuxhaven geschickt hat. Sie ist heute im Besitz seiner Tochter Gisela Grützner aus Neuenburg.

Jedes Jahr um diese Zeit wird sie ganz besonders an ihren Vater und seine Zeit auf der Columbus erinnert: Am 19. Dezember jährt sich der Untergang des Luxusliners der Norddeutschen Lloyd im Atlantik.

Johannes Grantz war im Juni 1939 an Bord gegangen, um nach seiner Lehre etwas von der großen weiten Welt zu sehen. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September machte diese Pläne zunichte. Das Schiff befand sich auf Kreuzfahrt in der Karibik, als es aus Deutschland den Befehl erhielt, unverzüglich einen neutralen Hafen außerhalb der USA anzulaufen. Mit letzten Treibstoffreserven erreichte das Schiff den Hafen Veracruz in Mexiko. Am 14. Dezember 1939 lief es wieder aus, um den Durchbruch nach Deutschland zu wagen.

Am 19. Dezember 1939, kurz nachdem es die von den USA kontrollierten Gewässer verlassen hatte, feuerte ein britischer Zerstörer Warnschüsse vor den Bug der Columbus. Die Besatzung wollte das wertvolle Schiff jedoch nicht in die Hände der Briten fallen lassen, setzte das Schiff in Brand, öffnete die Seeventile und ging von Bord. Die Columbus sank im Atlantik in Höhe der Stadt Norfolk.

„Die 600-Mann-Besatzung hatte die Evakuierung zigmal geübt und war in 15 Minuten in den Rettungsbooten“, weiß Gisela Grützner von Erzählungen ihres Vaters. Die Deutschen wurden von einem Schiff aufgenommen und nach Ellis Island in New York gebracht.

Die 567 männlichen und neun weiblichen Besatzungsmitglieder wurden in den USA interniert, zunächst auf Angel Island in Kalifornien. Von dort hat Johannes Grantz 1940 die Weihnachtskarte an seine Eltern geschickt. „Frohe Weihnacht und ein glückliches Neujahr sendet Euch Johannes. Ich hoffe dass Ihr das Fest im Kriegsjahr ohne mich in Freude verlebt“, schreibt der mittlerweile 19-Jährige. Er sollte noch vier weitere Weihnachtskarten aus den USA schreiben.

1941, als die USA in den Krieg eintraten und die Deutschen in den USA zunehmend unbeliebt wurden, wurde die Crew der Columbus in Fort Stanton in der Wüste Mexikos interniert.

Frauen und ältere Männer waren mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt, zurück in Amerika blieben 410 kriegstaugliche junge Männer. „Sie wussten sich zu helfen“, berichtet Gisela Grützner, „sie haben es geschafft, in der Wüste Kartoffeln und auch Grünkohl anzubauen“.

Am 31. Dezember 1945, sechseinhalb Jahre, nachdem er in Bremerhaven mit der Columbus ausgelaufen war, kehrte Johannes Grantz mit zwei Überseekoffern zurück nach Bremerhaven. In seiner Heimat musste der 24-Jährige erfahren, dass er zu den beiden einzigen Jungs aus seiner Klasse gehört, die den Krieg überlebt haben.

Er heiratete und fühlte sich mittlerweile den USA so verbunden, dass er dorthin auswandern wollte. Dem Antrag wurde jedoch nicht stattgegeben und Johannes Grantz wurde in seiner Heimat sesshaft und baute ein Elektrogeschäft auf.

Jedes Jahr am 19. Dezember fuhr er nach Bremerhaven zum „Columbus-Tag“, um sich mit ehemaligen Crew-Mitgliedern zu treffen. Nachdem Johannes Grantz 1999 gestorben ist, leben die Erinnerungen an die Columbus bei seinen beiden Töchtern weiter.

„Bei mir hängt ein Foto von der Columbus im Wohnzimmer“, berichtet Gisela Grützner. Und häufig fährt sie an die Ostküste der USA – unweit der Stelle, an der die Columbus am 19. Dezember vor 78 Jahren im Atlantik versank. Dort wohnt Gisela Grützners Tochter Silja mit ihrer Familie.

Traute Börjes-Meinardus
Traute Börjes-Meinardus Redaktion Varel