Neuenfelde - „Eigentlich hat unser Dorf keine Zukunft“, sagt Melanie Gloystein. Sie sitzt auf dem Beifahrersitz der NWZ-Redakteurin und fährt mit ihr auf einer schmalen Straße durch Neuenfelde. Vorbei an alten Häusern und noch älteren Bäumen. „Wir haben ja hier nichts. Keine Infrastruktur, keine Unternehmen, keine Schulen, Kindergärten oder Läden“, erklärt sie. Ja, das hört sich trostlos an. Aber nur in der grauen Theorie.
Denn: Neuenfelde hat seine Neuenfelder. Und das ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Es sind die Einwohner, die dafür sorgen, dass dieses kleine Dorf so lebenswert ist. „Wir tun etwas“, sagt Melanie Gloystein: „Und deshalb haben wir eine Zukunft. Das wollen wir zeigen.“ Und so haben sich einige Mitglieder des Bürgervereins hingesetzt und eine umfangreiche Bewerbungsmappe für den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ erstellt.
Am Esstisch in ihrem Wohnzimmer zeigt Melanie Gloystein diese Bewerbung: Auf dem Papier kann Neuenfelde dabei im Wettbewerb nicht immer punkten. Wenn es beispielsweise um innovative Ansätze zur Stärkung der Infrastruktur geht oder darum, wie die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes unterstützt wird. „Wir können nichts dafür und können das als Bürgerverein auch nicht beeinflussen“, sagt die dritte Vorsitzende des Vereins. Aber sie liebt es, mit ihrer Familie in Neuenfelde zu leben. Neben dem Haus ihrer Oma hat Melanie Gloystein ihr Zuhause. Sie selbst ist in Moorriem aufgewachsen. Noch so eine Elsflether Perle.
Aber Neuenfelde ist für Melanie Gloystein das Dorf, das auch jenseits der Mauern ihres Hauses ihr Zuhause ist. „Unser Dorf ist zukunftsfähig, weil immer wieder junge Menschen ins Dorf ziehen, die mit offenen Armen aufgenommen werden“, heißt es in der Bewerbung der Neuenfelder. Der Zusammenhalt der knapp 200 Einwohner, die in den alten Fischer- und Bauernhäusern wohnen, ist gut. Das ganze Jahr über werden Aktionen auf die Beine gestellt. Das fängt beim Klönen an, geht über Foto- und Spieleabende und hört beim Osterfeuer, der großen Freiluftfete oder der Teilnahme am Krammarkt in Elsfleth auf. Die Neuenfelder sind aktiv. „Wir machen viel, um unsere Jugend hier im Dorf zu halten“, erklärt Gloystein den Ansatz. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich wohlfühlen. „Nach der Schule ziehen viele für einige Jahre weg. Aber wenn sie selbst eine Familie gründen wollen, dann kommen sie zurück.“
Für „Unser Dorf hat Zukunft“ spricht der Bürgerverein auch kritische Punkte an. Zum Beispiel fürchten die Neuenfelder den Autoverkehr. Es gibt keinen Geh- und Radweg. Gloystein: „Wir bringen unsere Kinder mit dem Auto zur Bundesstraße und begleiten sie über die Straße.“ Von der Teilnahme an dem Wettbewerb erhofft sich der Verein, auf diese Problematik aufmerksam zu machen.
Dass das Dorf abseits vom Papier richtig schmuck ist, wollen die Neuenfelder nun der Bewertungskommission am 30. August zeigen. Dann tanzen ab 15.30 Uhr die Dance-Kids, die Treckerfreunde präsentieren sich, es gibt Kaffee und Kuchen, Franz-Otto Müller vom Naturschutzbund zeigt einen Horst, der dem ähnelt, in dem der Neuenfelder Seeadler brütet und schließlich wird die Kommission in einem Planwagen durchs Dorf gefahren, um die schönen Reethäuser und ihre Einwohner zu sehen.
Ach ja: Für die Teilnahme am Wettbewerb bekommt Neuenfelde 500 Euro – das Geld soll für den Wiederaufbau der kürzlich abgebrannten Jugendhütte des Dorfes genutzt werden.
