Rodenkirchen - Wer etwas gegen Kinderarmut tun will, muss möglichst früh damit anfangen – am besten gleich nach der Geburt eines Kindes mit einem Hausbesuch bei den Eltern. Das hat Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, am Donnerstagabend bei der Konferenz zum Thema Kinderarmut in der Markthalle empfohlen.
Die AWo-Region Unterweser hatte zu der Konferenz den Kinderschutzbund, Schulen, soziale Einrichtungen und Politiker eingeladen. Sie wolle eine umfassende Diskussion anstoßen, sagte der Vorsitzende Udo Hümmer.
Prävention aufgebaut
Hilgers sprach aus eigener Erfahrung: Als Bürgermeister von Dormagen habe er eine Präventionskette aufgebaut. Statt abzuwarten, bis die Eltern selbst Hilfe oder Förderung in Anspruch nehmen, müsse offensiv auf sie zugegangen werden. Zu dieser Präventionskette gehöre auch eine Betreuungsplatz-Garantie ab dem vierten Lebensmonat und bei Bedarf eine gezielte Förderung der Eltern.
„Wir müssen auf die Menschen zugehen und ihnen die Hilfe offensiv anbieten, weil viele den eigenen Antrieb verloren haben“, betonte Hilgers.
Seine Zahlen belegten zudem anschaulich, dass eine verpasste frühzeitige Hilfe und eine dadurch erst spätere Förderung von benachteiligten Kindern für die Kommunen wesentlich teuerer ist. Derzeit seien bundesweit rund 2,5 Millionen Kinder arm und bezögen Transferleistungen. Die Prognosen für die kommenden Jahre sehen eine weitere Zunahme der armen Kinder bei gleichzeitiger Abnahme der Gesamtanzahl. „Für die Gesellschaft ist es ein großes Risiko geworden, dass wir einen so großen Teil der Kindergeneration links liegen lassen“, kritisierte Hilgers die Politik, die arme Kinder zu wenig fördere.
Während auf Bundesebene rund 15 Prozent der Kinder unter 15 Jahre Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch II bekommen, sind es in der Wesermarsch 16,7 Prozent. Hilgers plädierte dafür, nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern zu fördern, denn dann sei der Effekt bei den Kindern wesentlich höher.
Er kritisierte, dass es keine Lehr- und Lernmittelfreiheit, keine Fahrtkostenerstattungen und Geld für Sonderausgaben wie Ausflüge gebe. „Wir müssen Kinder individueller fördern und dürfen sie nicht über einen Kamm scheren“, machte der Präsident deutlich. Dies bedeute eine innere Schulreform und nicht nur bessere äußere Rahmenbedingungen.
536 Euro pro Kind
Er forderte zudem eine Kindergrundsicherung in Höhe von 536 Euro oder bei kostenfreier Bildung in Höhe von 356 Euro. Die derzeitigen Leistungen für Bildung und Teilhabe erforderten vor allem einen Verwaltungsmehraufwand von 163 Millionen Euro. „Das ist eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Bürokraten“, wetterte Hilgers. „Wir brauchen eine konsequente Hilfe zur Selbsthilfe, erst dann stellt sich der wirtschaftliche Erfolg ein.“ Der beste Kinder- und Familienschutz sei die Prävention, die respektvoll und unter unbedingter Achtung der Menschenwürde zu geschehen habe.
„Die philosophische Grundhaltung ist ein wesentlicher Pfeiler für den Erfolg“, betonte Hilgers. Er forderte eine wertschätzende Haltung gegenüber Bedürftigen.
