Im Nordwesten - Als die Friseursalons in der Corona-Pandemie schließen mussten, wurde den Inhabern schnelle und unbürokratische Hilfe versprochen. Gut drei Jahre später sind viele niedersächsische Friseure ernüchtert: Die landeseigene NBank fordert Corona-Hilfen zurück und die Berechnungsgrundlage erschließt sich den Betroffenen nicht. „Heute sagen viele, sie hätten lieber länger schließen oder gar keine Hilfen in Anspruch nehmen sollen – das hätte viel Ärger erspart“, sagt Oliver Bremer. Der Obermeister der Friseurinnung Oldenburg führt einen eigenen Salon in der Landkreis-Gemeinde Wardenburg und engagiert sich im Landesverband des Friseurhandwerks, der rund 1400 niedersächsische Betriebe vertritt. Und diese fühlen sich gleich mehrfach hintergangen, erläutert Bremer.
„Wer länger geschlossen hatte, wird belohnt“
So werden zum einen die Monate April bis Juni 2020 als Grundlage dafür herangezogen, ob die Friseure zu viel erhaltene Soforthilfen zurückzahlen müssen. Die drohende Pandemie habe die Kunden aber schon ab Februar spürbar verunsichert und zu ersten Einbußen geführt, sagt Bremer. Umgekehrt sei gerade im Mai und Juni mehr erwirtschaftet worden, weil viele Friseure an sechs Tagen die Woche arbeiteten und zusätzliche Schichten einlegten, um die aufgelaufenen Termine zu bewältigen. „Das Leistungsprinzip wird ad absurdum geführt: Wer länger geschlossen hatte, wird belohnt“, kritisiert Bremer. Zudem habe die Mehrarbeit schon im Juli dazu geführt, dass die Nachfrage und die Umsätze wieder spürbar gesunken seien. „Vor Corona hatte jeder seinen eigenen Friseur-Rhythmus. Seitdem haben alle den gleichen“, erklärt Bremer. Dadurch schwankten die Umsätze bis heute. Auch dass die Friseure zum Schutz vor Infektionen nicht alle Plätze nutzen konnten, habe sich noch länger bemerkbar gemacht. Und die entgangenen Einnahmen aus dem Lockdown waren dem Obermeister zufolge nicht mehr aufzuholen: „Haare werden nicht zweimal hintereinander geschnitten oder gefärbt.“ Deshalb fordert die Innung, den Jahresumsatz als Berechnungsgrundlage festzulegen.
Kosten nicht berücksichtigt
Zum anderen seien die gestiegenen Kosten nicht ausreichend berücksichtigt worden, sagt die stellvertretende Obermeisterin Sigrid Meyer-Seeger, die ebenfalls im Landkreis Oldenburg einen eigenen Salon in Hundsmühlen führt. So seien beispielsweise die Handschuhe auf einmal fünfmal teurer geworden, man habe Plexiglaswände angeschafft und die Auszubildenden und 450-Euro-Kräfte, für die es keine Hilfsgelder gab, aus eigener Tasche im Betrieb gehalten. „Wer viel ausbildet, wurde dadurch noch bestraft“, kritisiert Meyer-Seeger. Darüber hinaus werde eines gar nicht beachtet: Was am Ende des Monats als Gewinn übrigbleibt, ist der Lohn des Unternehmers. Dieser muss also vom angefallenen Gewinn seinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten. In Nordrhein-Westfalen werde deshalb der Unternehmerlohn mit eingerechnet – in Niedersachsen nicht. Generell stören die niedersächsischen Friseure die unterschiedlichen Regeln in den Bundesländern. So müsse die Soforthilfe etwa in Hessen und im Saarland nicht zurückgezahlt werden.
Bei Ratenzahlung werden Zinsen fällig
In Niedersachsen gebe es unterdessen ein großes Durcheinander. NBank und Landesregierung würden auf Anfragen entweder gar nicht reagieren oder sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, kritisiert Bremer. Er verstehe auch nicht, weshalb Friseure die erhaltenen Corona-Hilfen versteuern, aber dann vollständig zurückzahlen müssten. Und wenn die Betriebe das Geld nur in Raten zurückzahlen können, verlange die landeseigene Förderbank noch Zinsen in Höhe von 7,5 Prozent. „Das hat mit Fördern nichts zu tun“, sagt Bremer.
Das Friseurhandwerk will sich nun Gehör verschaffen und hat sich mit offenen Briefen an Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gewandt. In Oldenburg sprachen Bremer und Meyer-Seeger vor Kurzem mit der CDU-Politikerin und früheren Bundestagsabgeordneten Astrid Grotelüschen und dem CDU-Landtagsabgeordneten Lukas Reinken. Dieser will die Anliegen der Friseure nun mit einer kleinen Anfrage an die Landesregierung auf die politische Agenda in Hannover heben.
