Berlin - Die niedrigen Zinsen machen Sparern, Banken und Versicherungen zunehmend zu schaffen. Nun stellte auch die Postbank mit Millionen von Kunden angesichts der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) das kostenlose Girokonto für Privatkunden in Frage.
Postbank-Chef Frank Strauß sagte der „Welt am Sonntag“, die Bank arbeite derzeit an einem neuen Preismodell, das noch dieses oder spätestens nächstes Jahr starten solle. Ob dabei das Girokonto kostenlos bleibe, könne er noch nicht abschließend sagen. Möglicherweise werde es nur noch bestimmte Konto-Dienstleistungen kostenlos geben. „Es gibt keinen Anspruch auf ein kostenloses Girokonto. Sie zahlen auch für Strom, ein Teil der Bankdienstleistung ist wie Strom eine Versorgung“, sagte er.
Wegen der niedrigen Zinsen steht die gesamte Branche unter Druck. Ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) sagte am Wochenende, Sparkassen hätten schon bisher in aller Regel keine kostenlosen Girokonten angeboten. Die Zeiten hätten sich geändert.
DSGV-Präsident Georg Fahrenschon hatte erst Mitte März gesagt: „Die Zeit von weiten Angeboten kostenloser Kontoführung ist aus meiner Sicht vorbei.“ Alle Marktteilnehmer müssten angesichts der „falschen Zinspolitik“ der EZB neue Ertragsquellen erschließen.
Die EZB hatte den Leitzins im Euroraum im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche auf Null gesenkt. Die Zentralbank steht deswegen vor allem in Deutschland seit Wochen massiv in der Kritik. Geschäftsbanken müssen Gebühren zahlen, wenn sie ihr Geld auf Konten der EZB parken. Sparer gehen leer aus. Andererseits profitieren unter anderem Hausbauer sowie die öffentlichen Haushalte von der EZB-Politik.
Die „Bild“-Zeitung (Sonnabend) berichtete unter Berufung auf Berechnungen der Postbank, die deutschen Sparer hätten wegen des Zinstiefs in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100 Milliarden Euro an Zinseinnahmen verloren. Im Gegenzug sparten Immobilienbesitzer, die einen Kredit aufnahmen, seit 2011 rund 85 Milliarden Euro Zinskosten ein.
Aus der Politik kamen Forderungen nach einer Entlastung der Sparer. Bayern Finanzminister Markus Söder (CSU) forderte in der „Bild am Sonntag“ eine Verdopplung des Sparerfreibetrags auf Zinsen aus Sparguthaben. Der Freibetrag müsse für Zinsen aus Sparguthaben von 801 Euro beziehungsweise 1602 Euro für Verheiratete verdoppelt werden. „Das wäre ein Signal, dass sich Sparen in Deutschland noch lohnt.“
