NORDENHAM - Die Kollegen der Spätschicht erfuhren es als Erste. Als sie am Freitagvormittag die Einschreiben ihres Arbeitgebers entgegennahmen, glaubten manche ihren Augen nicht zu trauen: Nach dem neuen Entgelt-Rahmenabkommen (ERA) sind die rund 350 tarifgebundenen Mitarbeiter der Norddeutschen Seekabelwerke (NSW) neu eingruppiert worden – viele von ihnen schlechter.
Betroffen sind vor allem – aber keineswegs nur – Angestellte. „Ich selbst zum Beispiel auch“, sagt die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Andrea Lukes, die für die abwesende Franka Helmerichs die Stellung hält. „In einigen Fällen soll das Einkommen um mehr als 300 Euro verringert werden. Das ganze Niveau wird nach unten gezogen.“
Doch gemach, wiegelt der Vorsitzende der NSW-Geschäftsführung, Dr. Valentin Jug, ab: „Die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird.“ Denn erstens besteht für jeden Mitarbeiter ein individueller Bestandsschutz, und zweitens werden bald umfängliche Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern einsetzen, wie der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Wesermarsch, Martin Schindler, sagt: „Wenn der Betriebsrat oder einzelne Beschäftigte innerhalb von vier Wochen Widerspruch einlegen, ist die neue Eingruppierung nicht rechtskräftig.“ Deshalb rechnen Schindler und Jug mit „massenhaft“ Einsprüchen.
Verantwortlich für die Entwicklung ist das so genannte Entgelt-Rahmenabkommen, kurz: ERA, für das die IG Metall lange gekämpft hat. Er muss spätestens zum 1. Januar 2008 in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie eingeführt werden. Er führt den rund 50 Jahre alten Lohnrahmentarifvertrag und den 15 Jahre alten Gehaltsrahmentarifvertrag zusammen und beendet die Unterschiede zwischen den Gehaltsempfängern bei den Angestellten und den Lohnempfängern bei den gewerblichen Arbeitern.
Das findet nicht nur Martin Schindler von der IG Metall gut, sondern auch Valentin Jug, der einst als Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Nordwestmetall den ERA mit ausgehandelt hat. Schließlich trage manch ein Arbeiter mehr Verantwortung als ein Angestellter – und dann dürfe er auch nicht schlechter bezahlt werden als dieser, sagt Jug. Das dies dazu führe, dass einige in Zukunft besser, andere aber auch schlechter bezahlt werden, liege in der Natur der Sache.
Schlechterstellungen waren aber nicht von der Gewerkschaft und schon gar nicht von den Beschäftigten selbst gewollt. Deshalb wurde ein individueller Bestandsschutz vereinbart, der vorsieht, dass schlechter gestellte Mitarbeiter vom Arbeitgeber eine Ausgleichszahlung erhalten. Die allerdings darf zu 50 Prozent mit Tariferhöhungen verrechnet werden, wie Valentin Jug sagt: Die Betroffenen werden im nächsten Sommer also nicht die schon vereinbarte Tariferhöhung von 1,4 Prozent bekommen, sondern nur 0,7 Prozent – und das geht so lange weiter, bis offizielle Eingruppierung und tatsächliches Einkommen komplett angeglichen sind.
„Das bedeutet viele Jahre Frust bei Tarifverhandlungen“, sagt Andrea Lukes. „Das ist das, was die Kollegen ärgert.“ Bericht unten
