NORDENHAM - Im Keller des Verwaltungsgebäudes der Norddeutschen Seekabelwerke verbirgt sich ein kleiner, fensterloser Raum: das Archiv. Hier wird die Geschichte der Firma verwahrt – in Logbüchern der Kabelleger-Kapitäne, Personalakten und unzähligen Fotoalben. Doch lebendig ist die Geschichte von NSW ganz woanders: in den Erinnerungen und Erzählungen der Mitarbeiter und ihrer Angehörigen.
„Kabel – unser Leben“
Claudia Schütze hat 25 von ihnen genau zugehört, Protokoll geführt, Übereinstimmungen gefunden und daraus ihre Doktorarbeit geschrieben. „Kabel – unser Leben“, heißt das 240 Seiten lange Werk, für das die 31-jährige Nordenhamerin von der Universität Göttingen das akademische Prädikat „cum laude“ erhalten hat – zu deutsch: mit Lob. Das entspricht der Note Zwei. Ihre Leistungen in der mündlichen Prüfung wurden mit „magna cum laude“ – „mit großem Lob“ – bewertet, eine glatte Eins.
Claudia Schütze stammt aus Berlin und hat Geschichte und Kulturanthropologie studiert – zunächst in ihrer Heimatstadt, dann in Göttingen. 2006 wurde sie über das Musealog-Programm wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nordenhamer Museums. Im Auftrag des Leiters Dr. Timothy Saunders baute sie für die neue Dauerausstellung die NSW-Abteilung auf.
Sie sprach mit dem damaligen Vorsitzenden der Geschäftsführung Dr. Valentin Jug, besorgte im Werk Ausstellungsobjekte, ging in das kleine, fensterlose Archiv und hielt 2008 im Museum einen exzellent besuchten Vortrag über NSW. Etwa zu dieser Zeit begann sie an ihrer Doktorarbeit zu schreiben.
Es ist nicht die erste Dissertation über NSW, sagt der jetzige Vorsitzende der Geschäftsführung, Rudolf Stahl. Aber bisher ging es immer um technische Fragen. Claudia Schütze fand einen nicht nur für NSW, sondern auch für die Kulturanthropologie völlig neuen Ansatz: Wie bildet sich aus den Gesprächen der Mitarbeiter die Identität der Werksangehörigen? Und wie stark identifizieren sie sich mit ihrem Werk?
Claudia Schütze sprach mit Jungen und Alten, mit Neulingen und Altgedienten, mit Facharbeitern und Managern sowie mit ehemaligen Werksangehörigen – Rentnern, Leuten, die gekündigt haben, und solchen, denen gekündigt worden ist. Damit sie die Aussagen anschließend vergleichen konnte, hatte sie ein Konzept erarbeitet, ließ ihre Gesprächspartner aber auch plaudern. Denn wer wissen will, was erzählt wird, muss den Erzähler erzählen lassen.
Bei manchen war sie nach einer halben Stunde durch, andere musste sie nach zwei Stunden stoppen. Wie nicht anders zu erwarten, waren Vertriebler und Leute, die ihre Projekte immer wieder vorstellen müssen, besonders auskunftsfreudig.
NSW – eine große Familie
Alle sagten im Grunde dasselbe: Sie fühlen sich bei NSW als Teil einer großen Familie. Und sie sehen NSW als „ihr Unternehmen“ an. Das gilt auch für Leute, die schon lange gegangen sind, und für solche, die entlassen wurden. Woran liegt das? Claudia Schütze sagt, dass immer Stolz auf das Unternehmen und auf die Leistungen des Einzelnen geweckt werde. Zudem schweißen die harten Conti-Schichten zusammen, aber auch die kleinen Freiheiten, die sich die Arbeiter dabei nehmen.
Dass der gute Ruf von NSW bei den Mitarbeitern nicht nur Gerede ist, zeigt sich daran, dass viele Mitarbeiter versuchen, ihre Kinder im Unternehmen unterzubringen. „Manche Familien arbeiten bei uns in der dritten Generation“, sagt Rudolf Stahl.
Claudia Schütze will ihre Doktorarbeit als bebildertes Buch herausbringen. Verlage sind interessiert, Anfang 2012 könnte das Werk vorliegen. Rudolf Stahl will es dann langjährigen Mitarbeitern zum Geschenk machen.
