NORDENHAM - Die Gründung der Midgard markiert einen Höhepunkt der Hafenentwicklung. Sie begann 1857 mit Wilhelm Müllers Ochsenpier.
von henning bielefeld
NORDENHAM - Großherzog Friedrich August von Oldenburg nannte Nordenham die „Zukunftsecke“ seines kleinen Reiches. Wohl auch deshalb war es der richtige Platz für eine kleine wirtschaftliche Revolution: Erstmals sollte eine Privatgesellschaft einen ganzen Hafen betreiben und nicht nur einzelne Gewerke. Und so wurde am 10. November 1905 die Midgard Deutsche Seeverkehrs Aktiengesellschaft gegründet – nicht etwa in Nordenham, sondern in der Reichshauptstadt Berlin.Treibende Kraft war der Bremer Kaufmann Adolf Vinnen. Er brachte Unternehmer und Bankiers aus Berlin, Hamburg und Bremen zu einem Konsortium zusammen, das an dem aufstrebenden Ort im Oldenburgischen einen größeren Hafen gründen wollte. Seit der Atenser Kaufmann Wilhelm Müller hier 1857 seinen legendären Ochsenpier geschaffen hatte, war es immer aufwärts gegangen. Der entscheidende Schritt nach vorn war 1875 der Eisenbahn-Anschluss gewesen. Schon ein Jahr später baute die Oldenburgische Eisenbahn den ersten Öl-Anleger, den Naphta-Pier. Dann siedelte sich Getreideumschlag an. Grund war die Versandung der Weser: Schwer beladene Schiffe kamen nicht mehr bis Bremen.
1888 gab es einen Rückschlag: Der von Wilhelm Mülller unterstützte ehrgeizige Plan, eine an der Londoner Börse notierte „Nordenham Dock an Warehouse Company“ zu gründen, scheiterte. Es fanden sich nicht genügend Anleger. Doch bald gab es einen positiven Schub: Anleger und Schleuse in Bremerhaven mussten erweitert werden, und deshalb verlegte der Norddeutsche Lloyd die Abfertigung seiner Auswandererschiffe von 1890 bis 1897 nach Nordenham.
Anfang 1896 entdeckte der damals 27-jährige Adolf Vinnen, Mitinhaber der 1797 gegründeten Bremer Reederei E. C. Schramm & Co., Nordenham. Im April 1896 gründete er die Deutsche Dampffischerei-Gesellschaft Nordsee, die 1934 nach Bremerhaven umzog und dort heute noch ihren Sitz hat. Aus dem 400 Meter langen, 100 Meter breiten und zum Teil recht riefen Wasserloch, das beim Aufschütten des Bahnhofsgeländes entstanden war, wurde der neue Nordenhamer Fischereihafen.
Doch Vinnen wollte mehr – und er bekam es. Mit Unterstützung des Großherzogs brachte er 1905 drei Millionen Mark zusammen. Seinen ursprünglichen Plan, den Hafenbetrieb um eine Reederei zu ergänzen, musste er auf Anraten des Chefs der Hapag-Reederei in Hamburg, Albert Ballin, aufgeben. Und auch sonst bereitete ihm seine neue Gründung nicht nur Freude. Doch für Nordenham war sie ein Glücksfall.
