NORDENHAM - Adolf Vinnen wird unterbewertet, Wilhelm Müller überbewertet. Das sagt Wolfgang Waßhausen.

von torsten lange

NORDENHAM - Zwei Jahre vor dem 100-jährigen Bestehen der Stadt Nordenham hebt der Stadtführer Dr. Wolfgang Waßhausen den Reeder und Industriellen Adolf Vinnen auf den Sockel. „Adolf Vinnen wird in Nordenham zu wenig gewürdigt“, betonte Waßhausen am Wochenende, als er mit 26 Passagieren auf dem historischen Dielenschiff „Hanni“ eine Stadtbetrachtung von der Weserseite aus begleitete.

Der Stadtführer sagte, Vinnen sei eine noch wichtigere Person als Wilhelm Müller (1821 bis 1899). Vinnens Aktivität begründete die Nordenhamer Industriekultur und hat Auswirkungen bis heute.

Der Erbe einer Bremer Segelschiff-Reederei erkannte zum Jahrhundertwechsel den Umbruch der Zeit und das Ende der Segelschiff-Ära. Er verlegte seine Aktivität an die Wesermündung nach Nordenham, investierte in Land und wirkte bei der Ansiedlung und Begründung der Nordenhamer Industrie mit. So war er von 1905 bis 1911 Vorstandsvorsitzender der Midgard – allerdings mit Sitz in seiner Heimatstadt Bremen – sowie Mitbegründer der Norddeutschen Seekabelwerke und der Hüttenbetriebe. Zwischenzeitlich im Petroleumgeschäft tätig, lag sein besonderer Erfolg in der Gründung der Deutschen-Dampffischerei-Gesellschaft „Nordsee“ in Nordenham sowie der „Visurgis“-Heringsfischerei. Noch heute ist von Seeseite aus die Einfahrt in den ehemaligen Nordenhamer Fischereihafen zu sehen, in dem in Spitzenzeiten 80 Heringslogger lagen.

Der gewiefte Industrielle verfolgte bereits früh den Konzerngedanken: Vom Rohprodukt bis zum Verkauf sollte alles in einer Hand liegen. 80 Prozent des Fisches für das Deutsche Reich liefen damals über Nordenham, hat Waßhausen ermittelt.


Die heutige Friedrich-Ebert-Straße trug einst den Namen des Bremer Investors, wurde zwischenzeitlich in Adolf-Hitler-Straße umbenannt, bis sie schließlich den heutigen Namen erhielt. Auf den wirtschaftlichen Förderer der Stadt weist jetzt eine Nebenstraße hin. Der Konzernchef steht heute nur im Schatten des als Stadtgründer gehandelten Kaufmanns Müller – zu wenig, meint Waßhausen und fordert kurz vor dem Stadtjubiläum eine andere Sichtweise auf Adolf Vinnen.

Schließlich sei es die Industrie gewesen, die mit Arbeitskräftewerbern Arbeiter in die „Zukunftsecke Oldenburgs“ holten, mit Industriebaugesellschaften Wohnraum schufen und zentrale Straßenzüge und Siedlungen der Stadt entstehen ließen. Durch den Verkauf der Betriebswohnungen zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren sei in Nordenham die Stadt mit einem bundesweit höchsten Anteil an Wohnungseigentum geworden: Etwa 83 Prozent der Stadtbürger lebten heute in den eigenen vier Wänden. Das sei ein bundesweiter Spitzenwert.

Beide Fahrten mit dem Dielenschiff war ausverkauft – schon im Juni hatte es zwei Touren gegeben. Waßhausen kündigte an, die Reise auf der Weser auch im nächsten Jahr wieder anzubieten. Die Gäste äußerten den Wunsch, eine längere Fahrt bis Einswarden oder Blexen zu machen. Der jetzt einstündige Törn reichte nur aus, um bis zu Metaleurop zu fahren.