NORDENHAM - Die winzigen weißen Kügelchen tragen den Namen „Arnica D6“, sie schmecken nach Zucker, und man soll stündlich fünf Stück von ihnen einnehmen. „Prellungen, Stauchungen und Muskelverspannungen bekommen Sie damit in den Griff“, sagt Norbert Schulze, Inhaber der Nordenhamer Stadt-Apotheke.
Arnica D6 ist eines von zahlreichen homöopathischen Mitteln, die Norbert Schulze im Angebot hat. „Die Nachfrage nach Homöopathischem ist hoch“, sagt er. Ob Übelkeit, Mückenstiche oder Sportverletzungen – viele seiner Kunden schwören auf die Kraft der Kügelchen, der sogenannten Globuli.
Forderung nach Verbot
Welche Wirkung es tatsächlich hat, Krankheitssymptome oder Verletzungen mit Globuli zu bekämpfen, ist umstritten. Aufsehen erregte jetzt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach mit seiner Forderung, gesetzlichen Krankenkassen solle verboten werden, homöopathische Behandlungen zu erstatten.
Etwas mehr als die Hälfte der Kassen bietet dies mittlerweile an – nach Meinung von Kritikern vor allem mit dem Ziel, gut verdienende, selten ernsthaft kranke Mitglieder zu werben, die ein Faible für die alternative Medizin haben. Jürgen Windeler, ab 1. September Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, hält die Homöopathie für ein nachweislich „widerlegtes Konzept“.
Detlef Klünner, Gynäkologe an der Wesermarsch-Klinik und selbst Homöopath, hat für die aktuellen Attacken auf die alternative Heilmethode kein Verständnis. „Für mich steckt da reiner Lobbyismus dahinter“, sagt Klünner. Er ist sich sicher: „An einer Behandlungsmethode, die über 200 Jahre alt ist, muss etwas dran sein.“ Der Ansatz der Homöopathie sei ein anderer als in der klassischen Schulmedizin: „Man gestaltet den Heilungsprozess offener und stürzt sich nicht nur auf die Symptome“, sagt er. Die Schulmedizin dagegen löse mitunter durch Überbehandlung Arzneimittelkrankheiten aus.
Dass Homöopathen sich vermeintlich mehr Zeit für den einzelnen Patienten und dessen Krankheitsgeschichte nehmen, ist ein weiterer Grund für die hohe Beliebtheit dieser Behandlungsart – gibt aber auch Kritikern Munition.
Arznei für 600 Euro
Zu teuer seien die Sitzungen für die Krankenkassen, ist ein oft gehörtes Argument. Detlef Klünner wehrt sich: „Zwar dauert die Anamnese bei Homöopathen mindestens 30 Minuten, meistens eher ein bis zwei Stunden. Aber was Sie dafür bekommen, ist mehr als bei anderen Behandlungsarten.“ Als Beispiel für Verschwendung in der Schulmedizin nennt der Gynäkologe ein 600 Euro teures Epilepsie-Medikament, das sein Sohn ausprobiert habe und das sich als völlig unwirksam erwiesen habe.
Die Unwirksamkeit homöopathischer Medikamente wollten dagegen britische Kritiker der Alternativmedizin beweisen. Sie trafen sich vor einiger Zeit zur „Aktion Überdosis“ und schluckten gleichzeitig den gesamten Inhalt einer Streukügelchen-Dose hinunter. Probleme mit der Gesundheit hatte danach niemand. Detlef Klünner hält das Experiment für unseriös: „Den Begriff der Überdosierung gibt es in der Homöopathie überhaupt nicht“, sagt er. Nicht die Menge, sondern die Häufigkeit sei entscheidend. „Wenn Sie stündlich ein Streukügelchen Belladonna C30, eines Mittels gegen Fieber auf Basis der Tollkirsche nehmen, hören Sie nach dem dritten oder vierten Kügelchen damit auf.“
Ob Tollkirsch-Extrakt in sehr starker Verdünnung wirksam ist oder nicht – die Atmosphäre zwischen Schulmedizinern und Homöopathen scheint vergifteter denn je. „Die Leute werden mit den Füßen abstimmen: Was ihnen hilft, werden sie nehmen“, ist sich jedenfalls Mario Heien, Heilpraktiker aus Nordenham, sicher.
Als Begründer der Homöopathie gilt der deutsche Arzt Samuel Hahnemann. Er wurde 1755 in Meißen geboren und starb 1843 in Paris.
Hauptannahme Hahnemanns war das Ähnlichkeitsprinzip: Ein homöopathisches Arzneimittel sollte so zusammengestellt werden, dass es bei Gesunden ähnliche Symptome auslösen würde wie die, an denen der zu heilende Kranke leidet.
Die Wirkstoffe in homöopathischen Arzneimitteln sind stark verdünnt. Diese Verdünnung wird auf dem Etikett gekennzeichnet: D 1 etwa bedeutet ein Mischungsverhältnis von 1:10, D 2 ein Verhältnis von 1:100.
Jüngere Studien stellen die Homöopathie stark in Frage. Ihre Wirkung beruhe nur auf Placebo-Effekten.
