NORDENHAM - Die Idee ist genau 100 Jahre alt, hat mittlerweile knapp 600 Ableger in ganz Deutschland und geht auf den Lehrer Richard Schirrmann zurück. „Plötzlich überfiel mich der Gedanke: Jedem wanderwichtigen Ort in Tagesmarschabständen auch eine gastliche Jugendherberge zur Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands ohne Unterschied“. So wird der Erfinder der Jugendherbergen aus dem sauerländischen Altena zitiert. Drei Jahre später, 1912, wurde Richard Schirrmann in seinem Heimatort der erste Herbergsvater in der ersten Jugendherberge der Welt.

Otto Fischer setzt sich ein

Den Vater der Bewegung lernte auch ein Nordenhamer kennen. Er hieß Otto Fischer. Der gebürtige Sachse, der 1906 bei den Kabelwerken anheuerte, war viele Jahrzehnte Vorsitzender des Ortsverbandes des Deutschen Jugendherbergswerks. Bei dem Treffen mit Richard Schirrmann auf Burg Altena wurde der Gedanke geboren, auch in Nordenham eine „Bleibe für die wandernde Jugend“ zu schaffen. Das Kabelwerk machte eine Baracke mit 30 Betten frei. Sie diente nach Kriegsende als Unterkunft für obdachlose Familien. 1921 wurde im Grünen Hotel an der Bahnhofstraße die zweite Jugendherberge gegründet. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die schwimmende Jugendherberge die Sensation in Nordenham.

Der Hobby-Chronist Jens Wohlkopf hat herausgefunden, dass ein alter Weserkahn namens „Butjarland“ ab dem 11. Juli 1932 als Jugendherberge diente. 1000 Reichsmark kostete der Kahn, das Geld wurde zum Teil vom Jugendherbergsverband aufgebracht. Außerdem sammelte Otto Fischer Spenden. Das Boot kam im Großensieler Hafen an, wo es zunächst als schwimmende Herberge diente, bevor es 1933 in Höhe des Segelclubs aufs Trockene gesetzt und dort von der Hitlerjugend genutzt wurde.

Dort wo heute die Jugendherberge steht, befand sich vor dem Krieg das Reichswerkschar-Ferienlager. Im Oktober 1945 wurde ein Teil der Baracken als neue Jugendherberge mit 20 Betten eingerichtet. Paul und Elisabeth Beck, die 1945 als Flüchtlinge nach Nordenham gekommen waren, übernahmen die Jugendherberge 1951 in eigener Regie und leiteten sie ab 1952 offiziell für den Deutschen Jugendherbergsverband. Die übrig gebliebenen Baracken des Reichswerkscharlagers verfügten über 140 Betten.


1967 festes Haus

Es dauerte bis zum Jahr 1967, als das erste feste Haus eingeweiht wurde. Es wurde parallel zur Weser errichtet und steht bis heute. Seinerzeit war vom ersten Bauabschnitt die Rede. Dass es bis zur Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts weitere 15 Jahre dauern würde, konnte niemand ahnen. Umso größer war die Freude, als 1982 ein weiterer moderner Anbau in Betrieb genommen wurde.

Im selben Jahr gaben Paul und Elisabeth Beck die Herbergsleitung an ihren Sohn Andreas und ihre Schwiegertochter Heidrun Beck ab. Von 1991 bis 1999 führten Christine und Helmut Bockermann das Haus, anschließend – bis 2006 – war Nils Wieland Leiter der Jugendherberge und seitdem haben zwei Frauen das Zepter in der Hand: Nicole Jatsch und Anke Steenken.

Von 1971 bis 1983 zählte die Jugendherberge zwischen 17 000 und 25 000 Übernachtungen. Die Reduzierung der Bettenzahl und eine geringere Auslastung führten dazu, dass die Zahl deutlich gefallen ist. Im vergangenen Jahr zählte die Herbergsleitung 12 137 Übernachtungen bei 154 Betten. Der DJH-Landesverband hat 894 961 Übernachtungen zwischen 1947 und 2007 ausgerechnet.

Im Haus hat sich im Laufe der Jahrzehnte vieles getan. Es ist nicht mehr die wanderfrohe Jugend, die die Herberge nutzt, auch wenn die Einrichtung an der Strandallee nach wie vor eine beliebte Zwischenstation für Radwanderer ist. Schulklassen bilden einen Großteil der Gäste. Und die Zeiten, in denen sie mit Muckefuck und Achtbettzimmern Vorlieb nehmen mussten, sind längst vorbei.