NORDENHAM - NORDENHAM - Seinen Hang zur Seefahrt kann Dietmar Ross nicht beiseite schieben. Der Smutje hat zwar abgemustert, denn „30 Jahre sind genug“, sagt er. Doch der Nordenhamer kommt nicht davon los. Das Feeling holt er sich bei seinen regelmäßigen Überfahrten an Bord der Weserfähren. Dann sitzt Dietmar Ross meist im Restaurant der „Bremerhaven“ und schaut sehnsüchtig auf die Weser.
Anfang der 90er-Jahre ist Dietmar Ross der langen Törns mit ständig wechselnden Mannschaften überdrüssig. Immer öfter lösen philippinische Seeleute die einheimischen Matrosen ab – mit Auswirkungen bis in die Kombüse. Bei den gemischten Crews gestaltet sich die Zubereitung der Mahlzeiten problematischer. „Der Koch hat den Ärger damit“, erzählt Dietmar Ross. Viele essen kein Schweinefleisch, andere bevorzugen Reis. Ein Job an Land, mit einem Bein auf See, das wäre es, denkt der Smutje und hat nach einiger Zeit Glück: Die Braker Heuerstelle offeriert ihm ein interessantes Angebot. Das Marine Training Center (MTC) in Leer sucht einen Ausbildungskoch. Der Arbeitsplatz ist das außer Dienst gestellte Fischereiforschungsschiff „Walther Herwig“, das von Bremerhaven nach Ostfriesland verholt worden ist. „Ein dummer Zufall“, kommentiert Dietmar Ross den Beginn eines weiteren Lebensabschnittes.
Dietmar Ross beginnt im Mai 1994 mit der Ausbildung philippinischer Köche. Die sechs bis acht Philippinos, die drei bis vier Monate an Bord bleiben, führt er in die Kunst des seemännischen Kochens ein. Sein wichtigster Grundsatz: So viele Nahrungsmittel wie möglich weiterverwerten, den Abfall so gering wie nur möglich zu halten. Er erklärt den jungen Seeleuten, wie sie Fisch tranchieren müssen und dass Ananas aus der geöffneten Konservendose unbedingt in ein Porzellangefäß gefüllt werden muss, damit die Speise nicht verdirbt. „Ich muss meine Reste verarbeiten“, schärft er den Philippinos, später auch Matrosen anderer Nationen immer wieder ein. So auf die Tätigkeit vorbereitet, vermittelt die Agentur „Marlow Navigation“ die Köche dann weltweit. An Bord der „Walther Herwig“ werden zudem Decks- und Maschinenpersonal geschult.
Es ist gängige Praxis, dass Dietmar Ross nicht nur die Ausbildung leitet, sondern auch den Transfer der jungen Köche beispielsweise über Bremen und Frankfurt nach New York koordiniert, wenn an Bord eines Dampfers ein neuer Smutje benötigt wird. Bis 1997 füllt er die Arbeit an Bord der „Walther Herwig“ aus. Dann erwerben Norweger das ehemalige Fischereiforschungsschiff und das MTC muss umziehen. In der leer stehenden Emder Bahnhofskantine, die gepachtet wird, bildet der Smutje fortan seine Küchenjünger aus.
Die Jahre gehen für Dietmar Ross ins Land, der Abschied vom Berufsleben rückt immer näher. Noch einmal ist er auf einem Ausbildungsschiff aktiv. Es handelt sich um das ehemalige Fischerei-Schutzschiff „Fridtjof“ aus Cuxhaven, das von den Rheinstahl-Nordseewerken umgebaut und als „Emsstrom“ in Leer an die Kette gelegt wird. Dietmar Ross mustert zum letzten Mal ab. Er bleibt indes der Seefahrt verbunden. Die Meldung „ehrenamtliche Mitarbeiter für die Seemannsmission gesucht“ weckt ein Interesse. Seit 2004 ist er nun in Nordenham aktiv, versorgt die Seeleute mit Zeitungen und „International Phonecards“.
Dietmar Ross, im Oktober 1941 in Tirschtiegel im Sternberger Land östlich der Oder geboren, hat nach vielen Jahren auf See mehr Zeit für sich selbst gefunden. Ihm ist es endlich gelungen, sein Elternhaus im heutigen Polen ausfindig zu machen. „Ich habe in meinem Zimmer übernachtet, in dem ich geboren worden bin“, erzählt er wehmütig. Das ist jedoch eine andere Geschichte. Ende
