NORDENHAM - Martin Schindler schätzt die Streikbereitschaft hoch ein. Die IG Metall rechtfertigt ihre Lohnforderungen mit der guten wirtschaftlichen Lage.

Von Jens Milde

und Manon Garms

NORDENHAM - Es war 5 vor 12 Uhr, als die Früh- und die Tagschicht von Airbus gestern nach Hause gingen. Und der Zeitpunkt, als Ralf Bremer vom Betriebsrat des Einswarder Flugzeugbauers seinen Kollegen einen schönen Feierabend wünschte, war nicht zufällig gewählt. Dem Management wünschte er, die Ruhe der leeren Betriebsstätten für fruchtbare Überlegungen zu nutzen.

Einige Hundert Beschäftigte in den Nordenhamer Industriebetrieben beteiligten sich gestern an den Warnstreiks, zu denen die IG Metall aufgerufen hatte. Neben dem Einswarder Flugzeugwerk waren NKT Cables, ATB-Motorentechnik und die Norddeutschen Seekabelwerke (NSW) betroffen. Die Streikenden bekräftigten die Forderung der IG Metall nach 6,5 Prozent mehr Lohn.

Bremer betonte, dass es für die Airbus-Belegschaft keinen Grund gibt, dem Tarif-Konflikt aus dem Weg zu gehen. Alle Wirtschaftsinstitute erhöhten fast täglich ihre Wachstumsprognosen. Seit Jahren sprudelten die Gewinne in den Kassen der Unternehmen. „Die Manager genehmigen sich einen ordentlichen Schluck aus der Pulle. Und jetzt wollen sie uns mit dem Inflationsausgleich abspeisen“, sagte Bremer. Das Betriebsratsmitglied bezog sich damit auf das Angebot der Arbeitgeber: 2,5 Prozent mehr Lohn und ein einmaliger Konjunkturbonus von 0,5 Prozent. Bremer bezeichnete das als Provokation.


Natürlich spielten bei der Kundgebung vor dem Airbus-Tor auch das Sparprogramm Power 8 und die Ankündigung, im Nordenhamer Werk 150 Stellen zu streichen, eine Rolle. Betriebsratsvorsitzender Michael Eilers erklärte, warum sich die Arbeitnehmer-Vetretung in den vergangenen Wochen relativ ruhig verhalten habe: „Wir wollten keine Zuspitzung. Wir wollten endlich eine Erklärung für den Quatsch haben, den sich das Management ausgedacht hat.“ Nach wie vor gebe es aber keine inhaltliche Begründung dafür, dass bei Airbus 10 000 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen. Und so lange sich daran nichts ändert, gebe es für ihn auch keine Verhandlungsbasis, sagte Eilers. Gleichwohl begnüge sich der Betriebsrat nicht damit, auf den nächsten Schritt des Managements zu warten. Nach den Worten von Eilers werden die Betriebsräte aller Standorte in den kommenden Wochen in Betriebsversammlungen ein eigenes „Zukunftsmodell“ vorstellen.

Am Rande der Kundgebung in Einswarden teilte der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Wesermarsch, Martin Schindler, der NWZ mit, dass er aufgrund der flächendeckenden Warnstreiks mit einem schnellen Ende der Tarifauseinandersetzung rechnet. Die Forderungen der Gewerkschaft rechtfertigt er mit der guten wirtschaftlichen Lage. Seiner Einschätzung nach gilt das auch für die Nordenhamer Betriebe, die gestern bestreikt wurden. Die Streikbereitschaft ist nach Ansicht von Schindler groß.

„Die Kollegen verfolgen die Tarifverhandlungen sehr genau,“ sagte Edeltraut Spreen. Die IG-Metall-Sekretärin für die Wesermarsch war gestern bei der NSW-Kundgebung, die allerdings kleiner ausfiel als erwartet. Bei NSW geht es nach Angaben der Betriebsratsvorsitzenden Franka Helmerichs nicht nur um die Lohnerhöhung, sondern auch um altersgerechtes Arbeiten und Leiharbeit. Darüber hinaus wird laut Edeltraut Spreen eine überproportionale Anhebung der Ausbildungsvergütung für das erste und das zweite Lehrjahr gefordert: „Darüber wollten die Arbeitgeber bisher überhaupt nicht verhandeln und deshalb müssen wir ein deutliches Zeichen setzen.“