NORDENHAM - Goethe gilt gemeinhin als größter Dichter der Deutschen. Er selbst dagegen sah sich eher als Naturforscher. Dass er aber ein Vorläufer Darwins und ein früher Wegbereiter von dessen Evolutionstheorie war, darf als widerlegt gelten.

Das sagte Dr. Manfred Wenzel am Donnerstagabend in seinem Vortrag „Goethe und Darwin – ideale und reale Welt“ im Alten Rathaus. Anlass des Vortrags, den die Nordenhamer Goethe-Gesellschaft veranstaltete, ist der 200. Jahrestag der Geburt von Charles Darwin (1809 bis 1882). Wenzel ist gebürtiger Oldenburger, studierte Biologie und Germanistik und verfasste 1982 eine Doktorarbeit zu dieser Thematik.

Der Wetzlarer schilderte, wie Johann Wolfgang von Goethe 1784 zusammen mit dem Jenaer Anatomen Justus Christian Loder Schädel von Embryonen untersuchte und dabei nachwies, dass der Mensch einen Zwischenkieferknochen hat. Zu sehen ist er nur bei Embryonen, später verwächst er sich. Aus dem vermeintlichen Fehlen dieses Knochens hatten Anatomen auf eine Sonderstellung des Menschen geschlossen, denn viele Tiere haben einen Zwischenkieferknochen. Jetzt hatte Goethe den Menschen mit dem Tier auf eine Stufe gestellt.

Auch Charles Darwin vertrat die Ansicht, dass alle Lebewesen miteinander verwandt sind – keineswegs nur Mensch und Affe. Bei seiner Weltumsegelung auf der „Beagle“ von 1831 bis 1836 entdeckte er auf dem Galapagos-Archipel eine Finkenart, die auf jeder Insel anders aussieht und sich anders verhält – je nach den Anforderungen der Umwelt. Daraus schloss er, dass die Arten sich verändern, dass diese Veränderungen in sehr kleinen Schritten verlaufen und dass sich die am besten angepassten Individuen am ehesten fortpflanzen können – die Evolutionstheorie war geboren.

Doch mit Goethe hatte das nichts zu tun. Denn als Darwin 1859 sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ veröffentlichte, war Goethe schon 27 Jahre tot und keine einzige seiner wissenschaftlichen Arbeiten auf Englisch erschienen. Doch bald entdeckte die Wissenschaft Goethe als Naturforscher und begann ihn Modernisierer und damit als Vorläufer Darwins zu sehen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden genau die gleichen Textpassagen Goethes ganz anders interpretiert: als Mahnung vor zu viel Veränderung.


Doch gemach, sagt Manfred Wenzel. Johann Wolfgang von Goethe sollte als das gesehen werden, was er war: ein Universalgenie in Dichtung und Wissenschaft, aber eben auch ein Kind seiner Zeit.