NORDENHAM - 14-Jährige beim Gruppensex, Kinder, die auf dem Schulhof Porno-Videos tauschen, und Rap-Sänger, die mit rüden Reimen über Vergewaltigung singen – unter Berufung auf Experten erklären viele Medien die heutige Jugend zum emotionalen Notstandsgebiet und diagnostizieren eine sexuelle Verwahrlosung. Kein Wunder, dass unter den Sexualpädagogen Unruhe herrscht, wie Hermann Niehuis-Schwiertz festgestellt hat. Er ist selbst Sexualpädagoge bei der Beratungsstelle pro familia. In seinem Vortrag „Generation Porno?“, den er am Montag auf Einladung des Präventionsrates vor rund 30 Besuchern in der Stadtbücherei hielt, gab er zunächst einmal Entwarnung. Nein so schlimm, wie oftmals dargestellt, stehe es nicht.

Nach den Worten des Referenten sind in der Altersgruppe der 16-Jährigen die Jugendlichen mit Geschlechtsverkehr-Erfahrung noch in der Minderheit. Unter den 14-Jährigen hätten gerade einmal zwölf Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Jungen Geschlechtsverkehr gehabt. „Da hat sich seit 1998 nicht viel verändert“, sagte Hermann Niehuis-Schwiertz.

Aus seiner Tätigkeit als E-Mail-Berater wisse er, dass zum Beispiel Gang-Bang-Partys (mehrere Männer haben Sex mit einer Frau) unter Jugendlichen nur ganz vereinzelt vorkommen. In der Regel finden sich solche Praktiken nur in einem Milieu, in dem die Kinder und Jugendlichen keine Perspektive, keine Orientierung und kein Selbstwertgefühl haben. „Jugendliche könnten durch Sex erfahren: Hier bin ich jemand, hier bin ich wichtig.“

Im praktischen Handeln sei die heutige Jugend aber nicht extrem sexualisiert. Geändert habe sich hingegen das, was sich in den Köpfen abspielt. Deutlich gestiegen ist der Anteil der Jugendlichen, die schon früh Kontakt mit Pornografie haben. Und das liegt vor allem daran, dass der Zugang zu pornografischen Inhalten durch die Medien viel leichter geworden ist. Es sei für Jugendliche kein Problem, sich pornografische Dateien aus dem Internet zu besorgen. Nicht selten würden Porno-Clips anschließend über das Handy ausgetauscht.

Sexuelle Inhalte der übelsten Sorte, frauenfeindlich und gewaltverherrlichend, werden über den Porno-Rap verbreitet. Der bekannteste Porno-Rapper ist Sido. Ihm sei es gelungen, sich auf dieser Schiene wichtig zu machen, sagte der Experte. „Porno-Rap“, so Hermann Niehuis-Schwiertz, „wird zunehmend auch von Kindern unter 14 Jahren gehört.“ In diesem Verhalten sieht der Referent aber eine in der Pubertät natürliche Neigung zur Grenzerfahrung und Grenzüberschreitung.


Der Experte zeigte aber auch, dass die überwiegende Zahl der Jugendlichen – Mädchen mehr noch als Jungen – pornografische Darstellungen als abstoßend empfinden. Ein großes Problem ist nach den Worten des Sexualberaters, dass viele Jugendliche Pornografie für die Realität halten. Sie fühlen sich unter Druck, dieser verzerrten Wirklichkeit entsprechen zu müssen. „Und das führt zu Verunsicherung.“ Hinzu komme, dass viele Gleichaltrige mit Sexualerfahrungen prahlen, die auch nicht viel mit der Realität zu tun haben.

Es sei wichtig, den Jugendlichen klar zu machen, dass Pornografie nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Eltern empfahl der Experte, sich für das Medienverhalten ihrer Kinder zu interessieren, es zu bewerten und Grenzen zu setzen. „Das brauchen Jugendliche. Da hilft keine Scheinliberalität.“