NORDLOH/TANGE - „Jeder Name, der da steht, ist ein eigenes Schicksal“, sagt Helmut Reil und meint damit die 79 Namen, mit denen das Denkmal der Bauerschaft Nordloh-Tange an seine Toten und Gefallenenen der beiden Weltkriege gedenkt. Doch je länger der Krieg zurücklag, desto mehr verblassten die Erinnerungen an die Männer, an die je ein Ziegel in dem Monument erinnert. „Immer wieder hat man sich natürlich bei der Pflege des Denkmals vor dem Volkstrauertag über die Namen und ihr Leben unterhalten: ,Weißt du noch, der hat da und da gewohnt“, erinnert sich Helmut Reil. Schon seit zehn Jahren habe man deshalb gesagt, das müsse man für die kommenden Generationen aufschreiben“, sagt Reil. Als immer
mehr Menschen, die sich noch an diese Zeit erinnern konnten, selbst starben, sah Reil nun die Zeit zum Handeln gekommen: „Ich habe einfach angefangen aufzuschreiben, wo die Männer gewohnt haben oder mit wem sie wie verwandt waren“, sagt Reil. Schnell merkte er, dass er diese Aufgabe nicht allein bewältigen konnte.
Wertvolle Hilfe fand Reil dabei zunächst bei Adele Borchers und Gerda Marohn, die noch mit vielen Gefallenen zur Schule gegangen waren. Gerade jedoch die Gefallenen der Flüchtlingsfamilien, die auch auf dem Denkmal von 1952 stehen, waren auch für sie ein Problem. Oft lebten diese Familien nur eine kurze Zeit im Dorf und zogen dann weiter. Und so wurde Reil in den vergangenen drei Monaten zum Detektiv auf den Spuren der Vergangenheit. „Bis ins Ruhrgebiet und nach Frankfurt habe ich telefoniert, um bei den Hinterbliebenen zum Beispiel nach ihrer Wohnung in Tange zu fragen“, sagt Reil. Auch in den Vereinen, der Gemeinde und bei den Ortsvorstehern fand Reil dabei Hilfe. Und just am Montag nach dem Volkstrauertag war es dann soweit: Durch einen Anruf konnten auch die Angehörigen des letzten rätselhaften Namens des Zweiten Weltkriegs gefunden werden. „Ohne die Unterstützung des ganzen Ortes wäre mir das nicht möglich gewesen“, freut sich Reil. Und noch etwas macht ihn froh: „Ich hatte
natürlich Angst wieder alte Wunden aufzureißen, aber durch die Suche sind die Menschen wieder über die Gefallenen ins Gespräch gekommen. So waren die Toten nach so langer Zeit wieder Teil des Dorflebens.“ Für die künftigen Generationen will Reil nun seine Chronik beim Ortsvorsteher hinterlegen.
Und der Chronist will weiterforschen. Als nächstes will er die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die er bisher noch nicht aufgenommen hat, aus der Vergessenheit holen.
Und eines liegt ihm ganz besonders am Herzen: „Vom alten Denkmal, auf dem ein eiserner Adler stand, waren damals die Flügel gestohlen worden und auch der Adler ist seit der Errichtung des neuen Denkmals verschwunden. Es könnte sein, das beides noch irgendwo im Ort auf irgendeinem Dachboden liegt“, sagt Reil und hofft das der, der den Adler findet, diesen an den Ortsvorsteher übergibt oder im Notfall auch anonym hinter dem Dörpshus ablegt, damit er wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.
