Nürnberg - Jürgen Gechter würde es wieder tun. Der 50-Jährige aus dem fränkischen Regelsbach hat seine Entscheidung, sich selbstständig zu machen, bis heute nicht bereut. Trotzdem sei das Leben als Solo-Selbstständiger schon sehr „ambivalent“, räumt er ein. „Das ist wie bei einem Süchtigen: Manchmal bin ich geradezu begeistert von dem, was ich mache. Und dann gibt es wieder Zeiten, da wünsche mir ein Leben als Arbeitnehmer mit regelmäßigem Gehalt und sozialer Absicherung zurück. Ich bekomme Magenschmerzen, wenn mein Konto mal wieder gegen Null läuft“, bekennt er freimütig.

Gechter, der als Alleinunternehmer Kurse für Betriebs-, Personalräte und Schwerbehindertenvertreter anbietet, scheint die Gefühlslage vieler Solo-Selbstständiger auf den Punkt zu bringen: Sie schätzen es, ihr eigener Chef und frei von betrieblichen Zwängen zu sein, haben aber mit niedrigen Honoraren, Auftragsflauten und unzureichender staatlicher Förderung zu kämpfen.

Die jüngst von SPD und Union angestoßene Debatte um die Rentenversicherungs- oder Altersvorsorgepflicht für Solo-Selbstständige hat die Gruppe wieder stärker ins Rampenlicht gerückt. Amtliche Zahlen machen derweil klar: Der einst von der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit seiner „Ich-AG“-Förderung ausgelöste Boom der Solo-Selbstständigen ist längst vorbei (siehe Info-Kasten). Dabei sieht die Einkommenssituation der Solo-Selbstständigen auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus: So haben nach Erkenntnissen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) die Alleinunternehmer im Jahr 2014 im Durchschnitt einen Stundenlohn von 18,86 Euro verbuchen können.

Allerdings, so macht DIW-Forscher Karl Brenke deutlich, ist das Gefälle zwischen sehr schlecht und sehr gut verdienenden Solo-Selbstständigen enorm groß. So brachte es etwa das – gemessen an der Einkommenshöhe – unterste Viertel der Solo-Selbstständigen 2014 monatlich auf ein mittleres persönliches Nettoeinkommen von gerade mal 616 Euro, die im obersten Viertel vertretenen Solo-Selbstständigen dagegen im Mittel auf 3158 Euro. Ohne Hilfen von Partnern oder Verwandten käme so mancher Solo-Selbstständige wohl kaum über die Runden. Am unteren Ende der Einkommensrangliste rangieren freiberuflich arbeitende Friseure und Kosmetiker. An der Spitze stehen Finanzprofis, Ingenieure und selbstständige Juristen mit 2300 bis 2600 Euro.

Von den Schwierigkeiten, angemessene Honorare für Künstler, Journalisten und Dozenten durchzusetzen, kann auch Veronika Mirschel ein Lied singen. Sie leitet das Referat Selbstständige bei der Dienstleistungsgewerkschaft „Verdi“. Sie hatte gehofft, die Einführung des Mindestlohns für Beschäftigte würde die Auftraggeber von Solo-Selbstständigen dazu bringen, ihre Honorare aufzustocken. Das sei aber leider nicht der Fall.