Berlin - Auf 100 Jugendliche, die eine Lehrstelle suchen, kommen rechnerisch 104,2 Angebote. „Jugendliche haben selten so gute Chancen auf einen interessanten Ausbildungsplatz und attraktive Berufsperspektiven gehabt wie heute“, erklärte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Mittwoch bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts 2017. Die Kehrseite der Medaille: Noch nie sind in Deutschland so viele Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben wie 2016. Fragen und Antworten:
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Wie fällt die Ausbildungsbilanz aus |
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Im Ausbildungsjahr 2016 wurden 520 300 Lehrverträge neu abgeschlossen – 1800 oder 0,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Regional ist die Lage sehr unterschiedlich: In Bayern, Bremen und Sachsen-Anhalt gab es eine Zunahme der neuen Ausbildungsverträge, in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen und Schleswig-Holstein waren Rückgänge zu verzeichnen. Ende September 2016 waren 43 500 Lehrstellen unbesetzt geblieben – ein neuer Höchststand. Die Bundesregierung spricht von „Passungsproblemen“. Das heißt: Lehrstellen bleiben frei, weil es an qualifizierten Bewerbern fehlt.
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Warum sinkt die Zahl der Ausbildungsbetriebe |
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Nur noch jeder fünfte Betrieb in Deutschland bildet aus. Allerdings: Je größer ein Unternehmen, desto häufiger werden Lehrstellen angeboten. So gibt es in 81,3 Prozent der Großbetriebe Azubis, in Kleinstbetrieben mit weniger als zehn Beschäftigten lag der Anteil bei 12,0 Prozent. „Immer mehr Unternehmen können ihre Ausbildungsplätze über Jahre nicht besetzen und fallen damit unfreiwillig aus der Statistik der Ausbildungsbetriebe“, so Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. 2016 hätten rund 14 000 Betriebe in Industrie und Handel überhaupt keine Bewerbungen mehr für ihre Ausbildungsplätze erhalten: „Betroffen sind vor allem kleine Unternehmen in ländlichen Regionen.“
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Läuft das Studium der Ausbildung den Rang ab |
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Seit 2013 gibt es in Deutschland mehr Studienanfänger als neue Azubis. Allerdings gibt es auch einen gegenläufigen Trend: Der Anteil der Abiturienten unter den Auszubildenden ist gestiegen – von 20,3 Prozent im Jahr 2009 auf 27,7 Prozent im Jahr 2015. Dadurch haben sich die Chancen von Hauptschülern auf eine Lehrstelle verschlechtert.
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Wie häufig wird eine Ausbildung abgebrochen |
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Laut Berufsbildungsbericht sind zuletzt 24,9 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst worden. In mehr als der Hälfte der Fälle geht es jedoch nicht um einen endgültigen Ausbildungsabbruch, sondern um einen Wechsel des Ausbildungsbetriebs oder Ausbildungsberufs. 1,9 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren haben keine abgeschlossene Berufsausbildung.
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Wie viele Jugendliche drehen „Warteschleifen“ |
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Im sogenannten „Übergangsbereich“ gibt es derzeit 298 800 Jugendliche – 12,2 Prozent mehr als 2015. Sie absolvieren Praktika oder andere Qualifizierungen als Vorbereitung auf eine reguläre Ausbildung. Der Anstieg ist laut Berufsbildungsbericht jedoch vor allem auf Flüchtlinge zurückzuführen.
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Welche Chancen haben junge Flüchtlinge |
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Nach Angaben aus der Wirtschaft sind die meisten jungen Flüchtlinge noch weit von der Ausbildungsreife entfernt. Entweder fehlt es an formaler Qualifikation, an Sprachkenntnissen oder an beidem. Die meisten von ihnen sind deshalb in berufsvorbereitenden Maßnahmen und Sprachkursen. Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Im März 2017 haben bundesweit 10 543 Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz, 246 370 sind ohne Lehrstellen und werden von den Arbeitsagenturen betreut.
