FRAGE: Herr Professor Czycholl, Sie haben sich Jahrzehnte lang mit modernen Ansätzen der Berufsausbildung befasst. Wie kreativ sind die deutschen Betriebe eigentlich?
CZYCHOLL: Zunächst eine Vorbemerkung: der große Vorteil unseres dualen Systems der Berufsausbildung, dass es eng mit dem Beschäftigungssystem verzahnt ist, führt in der heutigen ökonomischen Krisensituation zu Problemen. Die Folge ist, dass sich inzwischen fast drei Viertel der Betriebe von der Berufsausbildung verabschiedet haben. Hauptgründe sind Kosten-, Marktentwicklungs-, Spezialisierungs- und Zeiteffekte sowie zum Teil auch eine mangelhafte Ausbildungseignung der Bewerber.
FRAGE: Und die Unternehmen, die ausbilden, sind die denn innovativ?
CZYCHOLL: Durchaus! Viele haben gemerkt, dass man neue Wege einschlagen muss, um mit dem Wandel der Gesellschaft, der Technologien, der betrieblichen Anforderungen und auch der Mentalitäten der jungen Leute Schritt zu halten.
FRAGE: Konkret?
CZYCHOLL: Den Wandel zeigen nicht zuletzt die Ausbildungsmodelle aus der Praxis, die der beim Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn angesiedelte „Verein Innovative Berufsbildung“ im Laufe der Zeit bundesweit prämiert und veröffentlicht hat. Themen für neue Wege in der Berufsausbildung sind etwa: Ausbildungsverbünde, Lernort-Kooperationen, neue Berufe etwa in Bereichen wie Informationstechnik/Medien, eine adressatenspezifische Förderung von Migranten, Unterstützung von Frauen für die Aufnahme besonderer Berufsausbildungsformen, Kundenorientierung, regionale Kooperationen, innovative Einstiege in die Ausbildung, Förderung der informationstechnischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung (MINT-Fächer), Zusatzqualifikationen wie Fremdsprachen und kaufmännische Spezialkenntnisse, die Verknüpfung der Ausbildung mit Weiterbildungsmodulen, Internationalisierung der Ausbildung, Maßnahmen zu Umweltschutz bzw. nachhaltiger Entwicklung.
FRAGE: Genau bei solchen Neuerungen setzt auch der NWZ -Preis für Innovative Ausbildung – PIA – an, der in diesem Herbst erstmals vergeben wird. Was halten Sie davon?
CZYCHOLL: Dieser Ansatz, die Berufsausbildung in den Mittelpunkt zu rücken und sich dabei auf regionale Ausbildungsbetriebe des Oldenburger Landes zu konzentrieren, ist verdienstvoll und begrüßenswert. Betriebliche Anstrengungen um eine gute und innovative Ausbildung erfahren hier öffentliche Wertschätzung – und damit auch diejenigen vielen Jugendlichen, die diese Ausbildung durchlaufen. Das ist sehr wichtig. Immerhin gehen zwei Drittel eines Schülerjahrgangs in die betriebliche Ausbildung. Sie ist das Rückgrat unserer Wirtschaft, die mit Qualitätsprodukten von gut ausgebildeten Fachkräften weltweit Erfolg hat.
FRAGE: Sie selbst haben zusammen mit betrieblichen Ausbildern in der Arbeitsmappe „Selbstständig lernen und arbeiten im Betrieb“ 18 Ausbildungsprojekte vorgestellt. Ein Beispiel?
CZYCHOLL: Im Sinne des Leitziels, eine berufliche Handlungsfähigkeit in der Kombination von Fach- und Sozialkompetenz zu entwickeln, erhalten zwei oder mehr Auszubildende eine selbstverantwortlich zu bearbeitende Aufgabe von der Planung über die Ausführung bis zur Kontrolle. Dabei kann es sich um die Beschaffung einer betrieblichen Einrichtung, die Durchführung einer Firmenveranstaltung (z.B. Besuch von Kundengruppen) oder das Inserieren einer Zeitungsanzeige für die Werbung um neue Auszubildende handeln.
FRAGE: Können Innovationen im Ausbildungssektor gegen den sich abzeichnenden Fachkräftemangel helfen?
CZYCHOLL: Ja, in gewissem Umfang. Dazu nur ein Beispiel: Knapp 15 Prozent der jungen Leute zwischen 20 und 29 Jahren verfügen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Das sind anderthalb Millionen Menschen. Mit innovativen Ansätzen einer Nachqualifizierung könnte man diese Gruppe verkleinern und das Reservoir angehender Fachkräfte vergrößern. Zu verstärken sind auch die Maßnahmen, um die hohe Quote der Ausbildungs-Abbrecher zu senken, die starke Konzentration auf wenige populäre Berufe abzubauen und die große Segmentierung nach typischen Frauen- und Männerberufen weiter zu lockern. Mit am schwierigsten wird es sein, wegen der zunehmenden „Theoretisierung“ der Berufsarbeit das Verhältnis von betrieblichem Arbeitsplatzlernen und systematischem Fachlernen in branchenspezifischer Weise neu zu justieren.
FRAGE: Ob künftig wieder mehr Betriebe ausbilden?
CZYCHOLL: Auch dazu könnte der NWZ -Preis für innovative Ausbildung einen Beitrag leisten. Die nicht ausbildenden Betriebe werden durch die Berichterstattung über innovative Ausbildungsbeispiele erfahren, was sich Ausbildungsbetriebe alles haben einfallen lassen. Sie erfahren dabei vielleicht auch etwas über die Lösung von Schwierigkeiten, die sie bisher von einer Ausbildung abhalten. So könnten sie zur Aufnahme einer Ausbildung motiviert werden. Und sie sollten auch bedenken: Weil die Zahl der Lehrstellen-Suchenden immer weiter abnehmen wird, wird eine öffentlich bekannt gemachte qualitativ hochwertige und innovative Ausbildung zu einem Wettbewerbsfaktor im Kampf um den betrieblichen Arbeitskräftenachwuchs!
FRAGE: Großbetriebe sind am Markt im Vorteil, oder?
CZYCHOLL: Ja, sie können unter mehr Bewerbern auswählen, und mit ihren hauptamtlichen Ausbildungskräften fällt es ihnen leichter, besondere Ausbildungsmodelle sowie innerbetrieblichen Zusatzunterricht zu realisieren. Umso bemerkenswerter sind die innovativen Ansätze von kleinen und mittleren Betrieben. Viele Unternehmer engagieren sich in hohem Maße persönlich und mit ihren betrieblichen Mitarbeitern neben ihrer Haupttätigkeit. Das ist bewundernswert. Mehr Beachtung und Förderung sollten auch innovative schulische Formen der Berufsausbildung finden sowie Kooperationen von Schulen, Ausbildungsbetrieben und überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Auch dazu kann „PIA“ einen Beitrag leisten.
hat erstmals den „Preis für Innovative Ausbildung“ (PIA) ausgeschrieben. Bewerben können sich bis 2. Oktober Betriebe, die neue Wege in der Ausbildung gehen.
gibt es die künstlerische Skulptur PIA sowie eine Seite (1. Preis) bzw. halbe Seiten Anzeigenraum (2./3.) in der NWZ . Zudem wird laufend berichtet. Bewerbungen (1 Seite) per Mail an:
Bewerbungen per Mail unter pia@nordwest-zeitung.de
