Oldenburg - Schatten und Licht, Schock und Hoffnung: Das Jahr 2014 war für das Waisenhaus des Oldenburger Vereins „Kinder in Haiti“ in Cap Haitien ein bewegendes – und begann mit einer traurigen Nachricht. Die Erzieherin Madame Mislène geriet an einer Bushaltestelle in eine Schießerei und wurde von einer verirrten Kugel tödlich verletzt. Das berichtete jetzt Carsten Dirks, Sprecher des Vereins.
Doch die Tragödie, so viel Trauer sie auch auslöste, gefährdet die Arbeit nicht: Mit Guerline (19) und Juliane (21) treten zwei junge Frauen in Mme. Mislènes Fußstapfen. Beide gehören zur ersten Generation von Waisenkindern. Der Verein hatte das Haus 2000 eröffnet, 2010 zusätzlich 26 Kinder aufgenommen, die durch das verheerende Erdbeben am 12. Januar 2010 zu Waisen geworden waren.
Dass diese Veränderung gelungen sei, schreibe der Verein der Nachhaltigkeit des Betreuungskonzepts zu, sagt Carsten Dirks – und das sähen auch die Haitianischen Behörden so.
Die ersten Erdbebenwaisen können zudem jetzt zu Verwandten in die Hauptstadt Port-Au-Prince zurückkehren. Vier Jahre nach dem Erdbeben sei einiges inzwischen wieder aufgebaut, sagte Dirks, doch vieles liege noch im Argen. „Dennoch ist es für viele Kinder ein Happy End, wieder im familiären Umfeld zu leben“, sagt der Vereinssprecher. „Dieser Lebensabschnitt bei uns hat ein gutes Ende.“
Viele Kinder der ersten Generation wachsen nun langsam aus dem Waisenhaus heraus, sind bereits 18 bis 21 Jahre alt. „Sie werden von uns und dem Helfer-Team dabei unterstützt, ein selbstständiges Leben in Haiti zu organisieren“, berichtet Dirks.
Dabei müssten die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen berücksichtigt werden. So gebe es ein Mädchen, das sehr begabt sei, für ihre Schule Wettbewerbe gewinne und den Wunsch habe, Medizin zu studieren. Möglicherweise könne das über einen Paten aus Oldenburg realisiert werden. Andere könnten aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen kaum ein eigenes Leben aufbauen, für die meisten käme aber nach einer Anlernzeit eine Tätigkeit in einem der vielen Betriebe im informellen Sektor in Frage: „Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt“, so Dirks, „Ausbildungen und Betriebe wie bei uns gibt es dort kaum.“ Mancher junge Mensch halte den Kontakt zum Waisenhaus, komme auch nach Auszug ein- oder mehrmals wöchentlich vorbei.
Der Gründer des Vereins „Kinder in Haiti“, der Oldenburger Psychologe Ludger Kortmann, besuchte das Waisenhaus im Sommer 2014. Das neue Team um Guerline und Juliane habe sich gefunden und arbeite zuverlässig und effizient, so sein Fazit. Den Kindern gehe es nach wie vor gut.
Langfristig sollen den Plänen des Vereins zufolge insgesamt 30 bis 35 Kinder in dem Waisenhaus leben. Eines der Ziele ist es, das Projekt weniger abhängig von den von Jahr zu Jahr stark schwankenden Spenden zu machen, die das Projekt bislang ausschließlich finanzieren.
