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Justizdienst Oberste Vorsicht bei Leibesvisitationen

Evelyn Eveslage

Westerstede - Sorgfältig streift sich die Justizwachtmeisterin Erika Müller die blauen Einweghandschuhe über die Hände. „Man weiß nie, welche Krankheiten die Leute haben. Vor Hepatitis zum Beispiel muss ich mich schützen.“ Bei Leibesvisitationen an Gerichten und Staatsanwaltschaften gilt deshalb oberste Vorsicht. Abgetastet wird nur mit Silikonhandschuhen.

Je nach Gefahrenpotenzial des Gerichts sind Leibesvisitationen notwendig – um verbotene Gegenstände zu erfassen. Kontrolliert werden Verdächtige nur von gleichgeschlechtlichen Wachtmeistern. Die 57-jährige Erika Müller arbeitet eigentlich in Wittmund, zur Schulung ist sie im Amtsgericht Westerstede. Denn hier werden die Fortbildungen für Wachtmeister aus den Landgerichtsbezirken Aurich und Oldenburg sowie aus dem Bezirk Papenburg veranstaltet.

Schulungstag beginnt

Der Schulungstag beginnt mit einer Besprechung in Raum 5 des Erdgeschosses. Im spärlich dekorierten Raum sitzen die Justizwachtmeister der Amtsgerichte Aurich, Wittmund, Wildeshausen und Jever im Alter von 34 bis 61 Jahren. Trainingsleiter Hans-Jürgen Streithorst lehnt seine kräftigen Unterarme auf den weißen Tisch. Seit 38 Jahren arbeitet er als Justizwachtmeister, führt Gefangene in den Prozesssaal oder beaufsichtigt sie. „Eine gewisse Ruhe und Abgeklärtheit ist bei diesem Beruf natürlich wichtig“, erklärt der 57-Jährige mit grau meliertem Vollbart.

Denn Justizwachtmeister sind mittendrin bei Mordprozessen oder tobenden Scheidungskämpfen. „Manchmal werden die Kontrahenten auch handgreiflich, wenn es zum Beispiel um das Sorgerecht des Kindes geht“, erzählt Hans-Jürgen Streithorst. Dann schreiten die Justizwachtmeister ein, sorgen sie an Gerichten und Staatsanwaltschaften doch für Sicherheit. Pfefferspray, Schlagstock, Taschenlampe und griffige Handschuhe sind an ihrem Gürtel befestigt. Die schwarzen Handschuhe sind nicht ohne Grund stich- und schnitthemmend.

„Sicherheitsbelange werden immer mehr zum Thema“, stellt Jürgen Nienaber, Direktor des Westersteder Amtsgerichts, die Prioritäten klar. Die Emotionen kochen im Gericht schnell hoch: In Scheidungsangelegenheiten stehen Provokationen der ehemals Verliebten auf der Tagesordnung.


„Einmal saßen die Kinder des Ex-Partners während der Verhandlung schon auf dem Schoß des neuen Lebenspartners – sowas geht dann schon mal ins Auge.“ Auch wenn Angeklagte mit niedrigen Strafen rechnen – dann aber für Jahre inhaftiert werden, könne die Situation eskalieren, erklärt Hans-Jürgen Streithorst ruhig.

Situation eskaliert

Deshalb haben „psychologische Kenntnisse und das Verhalten im Konfliktfall bei der Weiterbildung und Schulung Vorrang“, sagt Direktor Nienaber. Die Einlasskontrollen können mit einem Detektorrahmen verschärft werden – das trainieren die Wachtmeister jetzt ganz praktisch: Im lichtdurchfluteten Foyer des Amtsgerichts ist der über zwei Meter hohe Bogen aufgebaut. Erstmal werden die Mantel- oder Handtaschen der Personen ausgeleert, informiert Hans-Jürgen Streithorst. Er zeigt auf zwei Pappkartons, die dafür auf einem kleinen Tisch neben dem Detektor stehen.

Zu groß sei das Risiko, in benutztes Drogenbesteck zu greifen, „gebrauchte Taschentücher wären da nur das kleinere Übel“, so Streithorst mit einem Schmunzeln. „Abhängige haben in der Regel das Rauschmittel bei sich, das sie benötigen – also Flachmann, Drogenbesteck oder auch Ecstasy-Pillen.“

Als Testperson schickt Streithorst den Angestellten Jens Vecht durch den Detektorbogen. Der schlägt aus: rechts und links blinken die Leisten auf der Höhe von Vechts Schlüsselbund. Der Detektor signalisiert, wo sich die metallischen Gegenstände – also oftmals Waffen und Messer – befinden.

Sofort geht die Kontrolle weiter: Mit einer dunkelgrauen Handsonde tastet Streithorst ab, wo genau der Gegenstand sitzt. „Eine solche Verschärfung der Kontrolle ist wünschenswert, kann im Moment vom Personal her aber nicht geleistet werden“, so Direktor Nienaber. Trotzdem werde diese Kontrolle eingeübt, damit die Wachtmeister bei Bedarf dafür herangezogen werden können. Falls eine Leibesvisitation ansteht, gibt es eine Art Umkleidekabine auf Rädern, um die Privatsphäre zu schützen.

„Die ältere Dame, die beim Amtsgericht vielleicht zum Nachlassgericht möchte, wird davon nicht behelligt“, erklärt Streithorst. Denn gerade bei Amtsgerichten gebe es viele Bereiche der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Aber selbst an Landgerichten würden auch viele Zivilprozesse stattfinden. „Das Publikum dort besteht ja nicht nur aus potenziell gefährlichen Angeklagten – Gutachter oder andere Sachverständige gehen an den Landgerichten ein und aus.“

Szenarien besprechen

Ungefährlich ist der Job nicht. Die Bereitschaft, sich körperlich fit zu halten, ist Pflicht. Geschult werden die Justizwachtmeister nicht nur in psychologischen Kenntnissen – vor allem Deeskalationstechniken – sondern auch in der waffenlosen Selbstverteidigung. „Pfefferspray und Schlagstock werden nur als letztes Mittel eingesetzt“, so Streithorst. Am Ende des Schulungstages „sprechen wir in der Gruppe nochmal verschiedene Szenarien durch, denn der Job ist sehr kommunikativ“, resümiert Streithorst.

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