Oldenburg/Temmels - Ein Sonntag während der Europameisterschaft: Bier, Grill, Kohle – alles ist bereit für einen schönen Abend. Bis jemandem auffällt, dass niemand Grillgut besorgt hat. Während früher allenfalls Tankstellen die letzte Rettung waren, gibt es in Oldenburg eine Alternative: Die Fleischerei Meerpohl betreibt hier einen Grillfleischautomaten.
Grillgut auch sonntags
Inhaber Andreas Meerpohl bestückt das gekühlte Gerät während der Grillsaison regelmäßig mit verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten sowie Salaten. Der Kunde bedient den Apparat wie einen Süßigkeitenautomaten: Münzen oder Geldscheine hineingeben, gewünschtes Produkt auswählen, die Ware fällt dann ins Entnahmefach. Tags wie nachts, an Wochenenden und Feiertagen kann der Kunde damit beim Fleischer einkaufen.
Meerpohl führt seinen Betrieb bereits in der vierten Generation. Immer wieder hat es Neuerungen gegeben, wie Partyservice, warmes Essen oder Frühstücksangebot. Seit 2013 gibt es eben einen Verkaufsautomat. „Wir müssen andere Wege gehen“, meint der 53-Jährige.
Denn in Zeiten von Billigfleisch, Preisdruck durch Discounter und Konkurrenz aus dem Internet haben es kleine Händler mit einer Alles-wie-immer-Einstellung zunehmend schwerer. Immer mehr Betriebe zeigen sich daher offen für neue Ideen.
So arbeitet eine Fleischerei in Temmels in Rheinland-Pfalz mit einem ähnlichen, aber noch aufwendigeren Prinzip als in Oldenburg. Metzger Peter Klassen hat nämlich eine große Schließfachanlage mit 40 gekühlten Boxen aufgestellt. Nachdem der Kunde seine Bestellung telefonisch durchgegeben hat, legt Klassen die gewünschte Ware in einer Tüte in ein Kühlfach – und der Käufer holt sie ab, wann es ihm passt. „Der Kunde von heute erwartet eine höhere Flexibilität“, sagt der 53-jährige Klassen. Viele arbeiteten noch, wenn er sein Geschäft um 18 Uhr schließe. Um diese Kundschaft nicht Läden mit längeren Öffnungszeiten zu überlassen, habe er diese Idee gehabt.
Doch nicht nur Händler gehen diesen Weg. Auch Produzenten selbst, wie die Landwirte, haben Automaten als Option für die Direktvermarktung entdeckt. Milchtankstellen, Eier- und Kartoffelautomaten locken die Kundschaft direkt auf die Höfe. „Gerade Milchbetriebe suchen sich auf diese Weise andere Einkommensquellen, weil der Milchpreis im Keller ist“, bestätigt Heike Willms, Fachberaterin für Direktvermarktung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Für einen Trend sei das Thema aber zu speziell. Zumal auch die Lage entscheidend ist, ob sich eine Anschaffung lohnt. Liegt der Hof an einer viel befahrenen Straße oder am Stadtrand, habe der Hof gute Chancen, dass sich das Konzept rentiert. Aber auch ohne große Gewinne ist es zum Teil Imagepflege, sich dem Verbraucher auf diese Weise zu öffnen.
Neue Kunden gewinnen
Ob sich Andreas Meerpohls Investition von rund 20 000 Euro in absehbarer Zeit amortisiert, vermag er noch nicht zu sagen. Doch auch ihm geht es nicht nur um den reinen Verkauf, sondern zudem um Kundengewinnung. „Wir wollen uns für ein anderes Publikum, für junge Leute, interessant machen“, erklärt der Fleischermeister. Denn wen die Notfall-Produkte aus dem Automaten überzeugen, der kehrt womöglich zu den normalen Öffnungszeiten zurück, um auch an der Fleischtheke zu kaufen, so die Hoffnung. Und zwar auch dann, wenn Grillsaison und Europameisterschaft vorbei sind.
