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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft

Öko-Strom verstopft Netze bei Nachbarn

29.11.2012

Berlin Vor der Physik muss auch eine Energiewende kapitulieren. Windstrom aus Nord- und Ostdeutschland strapaziert nicht nur die deutschen Netze, sondern auch das Leitungssystem der osteuropäischen Nachbarn wie Polen und Tschechien. Dort gibt es bereits wütende Proteste gegen die Schwemme von Öko-Strom, gegen den die heimischen Kohlekraftwerke nicht ankommen, und erste Pläne, Barrieren zu errichten.

Der Zusammenhang ist einfach: Hat eine Seite des (europäischen) Netzes eine stärkere Stromauslastung als eine andere, so fließt dieser automatisch auf die schwächer versorgte Seite, um einen Ausgleich zu erzielen. Strom sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstands. Bei hohem Windstromanfall in Deutschland kommt es in Polen oder Tschechien regelmäßig zu einer Verstopfung des Netzes mit regionalen Stromausfällen. Experten sprechen von „Ringflüssen“.

Windstrom aus dem Norden kann bei Starkwind wegen deutscher Netzüberlastung nur nach Polen und Tschechien ausweichen – und landet erst nach diesem Ausflug ins Ausland bei den süddeutschen Abnehmern.

Die osteuropäischen Länder wollen deshalb ihre Netze bei windigen Tagen vom deutschen Netz abkoppeln durch sogenannte Phasenschieber, die wie Türsperren wirken. Ab 2014 sollen solche Barrieren in Polen stehen – für einen zweistelligen Millionenbetrag.

Und was meint die Politik zu dem Dilemma? Es gibt zwei Denkschulen: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) will den Windausbau drosseln, den Zubau zwischen den Ländern besser koordinieren und an das Tempo des Netzausbaus anpassen. Dies steht auch im Fokus der angestrebten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Den Gegenpol bilden Leute wie Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne), er will Fakten schaffen. Das Land möchte die Windenergieleistung bis 2020 auf rund 9000 Megawatt fast verdreifachen, ein hohes Tempo soll den Druck für einen schnelleren Netzausbau hochhalten.

Altmaier betonte diese Woche in Berlin, dass nicht überall ohne Koordinierung neue Windräder ans Netz gehen könnten und der Strom dann bald von Norden nach Süden und eventuell auch umgekehrt fließe. „Dann haben wir einen großen Knall in der Höhe von Frankfurt. Und das war’s dann mit der Energiewende in Deutschland.“

Ungemach droht auch an anderer Stelle. Eine noch unveröffentlichte Studie der Deutschen Energie-Agentur sieht einen Bedarf von bis zu 214 000 Kilometern an neuen Netzen bei unteren Spannungsebenen. Kosten: 27,5 bis 42,5 Milliarden Euro bis 2030. „Wir müssen immer öfter feststellen, dass die Verteilnetze den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien nicht mehr verkraften“, klagt Hans-Joachim Reck, der als Chef des Verbands kommunaler Unternehmer die Interessen der Stadtwerke vertritt.

Unterdessen müssen sich die Verbraucher beim Strompreis auf Zusatzkosten durch fehlende Netze für Windparks einstellen. Union und FDP wollen an diesem Donnerstag im Bundestag beschließen, dass die Bürger höhere Lasten als bisher bekannt für Anschlussprobleme in der Nordsee tragen. Die Entschädigungszahlungen der Netzbetreiber sollen auf 110 Millionen Euro jährlich gedeckelt werden – der Rest wird auf die Strompreise abgewälzt.

Gunars Reichenbachs
Chefkorrespondent
Redaktion Hannover
Tel:
0511/1612315

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