Landkreis - Mit dem Begriff „Agrarwende“ konnten die Fachleute auf dem Podium wenig anfangen: „Ein politischer Kampfbegriff“, sagte Dr. Stefan Birkner, FDP-Landesvorsitzender in Niedersachsen. Cord Wübbenhorst vom Landvolkverband Ganderkesee sortierte das Wort in die Rubrik „Show-Politik“, verbunden mit massiver bürokratischer Gängelung. Ihm und den übrigen Teilnehmern war vor allem eines wichtig: der Landwirtschaft Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Immerhin handele es sich um den zweitgrößten Wirtschaftsfaktor in Niedersachsen, betonte Birkner. „Ohne Landwirtschaft passiert nicht viel im ländlichen Raum!“
Christian Dürr moderiert
Unter dem Titel „Landwirtschaft in Zeiten der Agrarwende – Bauern und ihre Zukunftsperspektiven“ hatte die FDP Ganderkesee im Rahmen ihres Dreikönigstreffens zu einer Diskussion eingeladen. Unter der Moderation von Christian Dürr, FDP-Fraktionschef im Landtag, entwickelte sich vor rund 100 Besuchern im „Schwarzen Ross“ in Bookholzberg eine informative Debatte.
Onno Osterloh vom Ortslandvolkverband rügte die offizielle Politik: In Deutschland sei Käfighaltung verboten. Dagegen stammten 60 Prozent der Eier, die hierzulande konsumiert werden, aus Legebatterien in Polen. Dort würden „Ställe im großen Stil gebaut“ – und das alles werde massiv von der EU subventioniert. Die heimischen Bauern könnten die massive Verteuerung der Produktionskosten nicht mehr auffangen.
Auch Dr. Bernhard Rump von der Landwirtschaftskammer wies auf den Preisverfall und die fehlende Dynamik hin. Der Stallbau sei nahezu zum Erliegen gekommen. „Man weiß nicht mehr, was man dem Landwirt empfehlen soll.“ Er befürchte „ein kritisches Jahr“ für die Landwirte in Deutschland.
Cord Wübbenhorst vom Ortslandvolk mahnte Lösungsansätze der Politik an. In der Gemeinde Ganderkesee funktionierten die Absprachen mit Betroffenen. Von der Landes- und Bundespolitik habe man den Eindruck, sie treibe die Landwirte vor sich her.
Michael Feiner, Förster und Kuratoriumsvorsitzender der Naturschutzstiftung für den Landkreis Oldenburg, monierte, dass fünf große Handelsketten in Deutschland bestimmten, was die Bauern zu welchem Preis produzieren dürften. Statt ständiger Rabattschlachten sollten die Konzerne den Erzeugern lieber „einen Euro mehr“ fürs Kilogramm Fleisch zahlen. Auch das Problem des „Gülle-Tourismus“ ließe sich eindämmen, wenn dringend benötigte Lagerstätten in der Region genehmigt würden. Selbst der Landkreis Oldenburg würde den Landwirten Investitionen in Biogasanlagen und Stallbauten vergällen.
Der Bogen in der Diskussion spannte sich von Flurbereinigungsverfahren bis hin zur Qualität von Lebensmitteln. Ein Redner fragte, warum die Opposition aus CDU und FDP im Landtag nicht mehr Druck auf die rot-grüne Landesregierung ausübe. Oder gebe es gar eine klammheimliche Freude im bürgerlichen Lager über die Politik von Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne)? Das verneinte FDP-Parteichef Dr. Stefan Birkner. Zwar könne man die Russland-Politik nicht beeinflussen, aber vor Ort bessere Rahmenbedingungen für die Bauern schaffen. Gleichwohl müsse sich die Branche der Tierwohl-Diskussion stellen.
„Nerv der Zeit treffen“
Der dramatische Einkommensverlust bewegte einen anderen Zuhörer: „Warum geht Ihr nicht, wie in Frankreich, auf die Straße?“ Osterloh meinte, dazu müsse man „den Nerv der Zeit“ treffen. „Und die Bevölkerung muss hinter uns stehen.“ Seine Bewunderung für die Landwirte brachte ein weiterer Gast zum Ausdruck. Gleichwohl habe er Verständnis dafür, wenn sich junge Familien über niedrige Preise freuen würden. „Der Preis bildet sich am Markt“, warnte Birkner vor einer Rückkehr zur Planwirtschaft. Und auch Osterloh räumte ein, dass die Bevölkerung kaum bereit sei, 30 bis 40 Prozent mehr für Lebensmittel auszugeben. Selbst die Frage nach der Globalisierung kam auf: Für jeden Hektar, der in Deutschland als landwirtschaftliche Produktionsfläche wegfalle, würden vier Hektar Regenwald gerodet, sagte Osterloh. „Nur hier ist nachhaltige Landwirtschaft.“
„Das war sehr informativ“, zeigte sich die Ganderkeseer FDP-Vorsitzende Marion Daniel am Ende der Diskussion zufrieden. Die Sorgen der Landwirte seien beim Publikum angekommen.
