Bösel/Cloppenburg - Kraniche oder Gänse halten sich noch immer im Vehnemoor auf – wenn auch nicht in der Menge wie noch vor einigen Wochen. Bei seiner jüngsten Zählung zwischen Weihnachten und Neujahr hat Josef Schnötke vom Nabu Cloppenburg mehr als 300 Kraniche gezählt. Das scheint die Tendenz zu belegen, dass immer mehr Zugvögel gar nicht oder später in den Süden fliegen.

Die derzeitig milde Witterung sei ein Hauptgrund, sagt der Hobby-Ornithologe Schnötke, der sich seit vielen Jahren an den Vogelzählungen im Landkreis Cloppenburg beteiligt. Im Herbst hatte er mit seinen Kollegen noch rund 1200 Kraniche im Vehnemoor gezählt – so viele wie noch nie in den Jahrzehnten seines Wirkens.

Ein großer Teil sei kurz vor dem „Kälteeinbruch“ vor Weihnachten in Richtung Süden abgeflogen. „Die haben ein hervorragendes Gespür für das Wetter“, sagt Schnötke. Die Beobachtung, dass immer mehr Zugvögel gar nicht erst die Reise ins Winterquartier im Süden antreten, hat auch der Böseler Heinz Kosanke gemacht. „Es gibt diese Tendenz“, sagt der Böseler, der sich mit der Vogelwelt im Vehnemoor bestens auskennt.

Gute Voraussetzungen bieten sich derzeit für die Tiere im Böseler Gemeindegebiet: Die Kraniche können auf den umliegenden abgeernteten Maisäckern tagsüber fressen. In den Abendstunden bei Anbruch der Dunkelheit fliegen sie ins Vehnemoor ein und lassen sich auf den wiedervernässten Flächen nieder. In dem Flachwasser sind sie geschützt vor Angriffen von Mardern oder Füchsen. Ähnlich nutzen auch Gänse das Vehnemoor – und die nordischen Schwäne die Thülsfelder Talsperre. Die Zahl dieser Tiere sei dort derzeit aber etwas zurückgegangen, sagt Schnötke. Erst vor kurzer Zeit waren noch mehr als 1000 Schwäne gezählt worden.

„Wir beobachten den Vogeldurchzug mehrere Wochen früher“, sagt Dr. Ommo Hüppop vom Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ in Wilhelmshaven im Gespräch mit der NWZ. Unabhängig von diesem Einzeljahr hat er festgestellt, dass Zugvögel deutlich früher zurückkehren, weil durch die milderen Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten auch die Vegetation früher einsetzt und so Nahrung schon früh im Jahr vorhanden ist. Auf der Grundlage von Zählungen auf Helgoland habe sich der Heimzug bei 20 von 23 Kleinvogelarten um bis zu 19 Tage verfrüht – dies auch vor dem Hintergrund der Konkurrenz um die besten Futter- und Brutplätze.


Der Experte unterscheidet zwischen Langstreckenziehern wie Kuckuck oder Mauersegler, deren Zugverhalten genetisch fixiert sei. Diese Vogelarten sind längst im Süden. Andere Vogelarten wie Gänse, Rotkehlchen, Amsel, Kiebitze – oder eben Kraniche – zögen in den Süden, wenn hier durch Schnee oder Frost die Nahrung nicht mehr in ausreichender Menge zugänglich sei. Diese so genannten Kurz- oder Mittelstreckenzieher fliegen zudem im Winter nicht mehr so weit wie früher, haben Zählungen ergeben.

Einem einzelnen milden Winter wie dem aktuellen will Dr. Hüppop nicht allzu viel Gewicht geben. Es habe sie früher auch schon gegeben. Im Gegenzug sei der Winter 2012/2013 sehr lang und kalt gewesen.

Reiner Kramer
Reiner Kramer Redaktion Münsterland (Stv. Leitung Cloppenburg/Friesoythe)