OLDENBURG - Wir schlendern über grün-grauen Linoleumboden. An den rot geklinkerten Wänden des weitläufigen Flurs hängen Kunstwerke. Alles glänzt blitzsauber. Die Türen sind aus dickem Glas. Fast fühlt man sich in einem Seminarhotel oder Appartementhaus.

Aber nur fast. Denn vor und hinter dem Flur befinden sich Sicherheitsschranken. Rein oder raus geht es nur auf Knopfdruck. Jeder Winkel wird mit Kameras beobachtet. Und auch wenn es nur sehr wenige der klassischen Gefängnisgitter gibt, gilt die Oldenburger JVA als das Alcatraz des Nordens.

Anstaltsleiter Gerd Koop (59) mag den Vergleich mit der US-Gefängnisinsel nicht so gern hören. „Wir haben hier eine ganz andere Vorstellung von Strafvollzug“, sagt er. Man wolle die Gefangenen darauf vorbereiten, dass „sie irgendwann wieder als Nachbarn unter uns leben“.

Deshalb führt Koop auch ein strenges Regiment. Allerdings nicht so, wie man es sich sonst von Gefängnissen vorstellt. Koop ist ein Sauberkeitsfanatiker. Alles muss blitzeblank sein. Schmierereien in Zellen, Dreck oder heruntergekommene Anlagen duldet er nicht. Knastrituale wie Hanteln stemmen sind verboten. „Das vermindert die Aggressivität und die Gewalt“, ist Koop überzeugt.

Dafür legt er Wert auf viele gemeinsame Aktivitäten. Sport, Arbeit, Unterricht sind die Schwerpunkte. Wer mitmacht, und das tun fast alle Inhaftierten, kann in den etwa neun Quadratmetern Zelle sich sogar eine kleine Privatsphäre gestalten. „Die Gefangenen können in ihrer Freizeit entscheiden, ob ihre Zellentür offen steht oder sie sich lieber zurückziehen“, sagt Koop.


Trotzdem wäre natürlich jeder Gefangene lieber heute als morgen wieder draußen. Doch nur einer hat das in zehn Jahren versucht. Mit Hilfe eines Bediensteten glückte einem Mann 2002 in einem Bollerwagen die Flucht. Nach neun Tagen wurde er wieder gefasst. „Das war unsere einzige Entweichung in den ganzen zehn Jahren“, so Koop. Selbst Fluchtversuche habe es nicht mehr gegeben. Auch das hat den Alcatraz-Ruf begründet.

Noch mehr jedoch der Knast im Knast: ein Hochsicherheitstrakt für bis zu zehn Gefangene. Mafia-Bosse und Mörder haben dort gesessen.

Die meisten Gefangenen aber sind nach ein paar Monaten oder Jahren wieder frei. Die Vorbereitung auf diesen Tag ist für die JVA eine Hauptaufgabe. „Unser Werkstattbereich hat einen ausgezeichneten Ruf“, sagt Koop. Man arbeitet seit Jahren für etliche große Industrieunternehmen. Und die Arbeitszeit in der Knast-Werkstatt ist für einige Firmen sogar schon zum Einstellungskriterium geworden. „Wir haben immer wieder Anfragen von Firmen, die Gefangene nach der Haftentlassung einstellen wollen“.

Vor 15 Jahren war an eine solche Bilanz noch gar nicht zu denken. „Ein Knast in Kreyenbrück, davor hatten die Anwohner große Angst“, sagt Koop. Der damalige Anstaltsleiter der Gerichtsstraße schaffte es jedoch, Nachbarschaft, Stadt und Ministerium von seiner Vision zu überzeugen. Mehr noch, er durfte gemeinsam mit Mitarbeitern sogar Bauherr sein, das neue Gefängnis mit planen.

Das gelang offenbar so gut, dass in Norddeutschland inzwischen mehrere Anstalten stehen, die nach dem Oldenburger Vorbild gebaut wurden. Ein wenig Appartementhaus, ein wenig Alcatraz.

Jasper Rittner
Jasper Rittner Chefreporter Oldenburg-Stadt/Ammerland