OLDENBURG - Wie hart ist der Job als Spargelstecher? Die NWZ machte den Test auf dem Hof Stolle in Bümmerstede.

Von Jasper Rittner

OLDENBURG - „Morgään uuhhh“, sagt Bogdan und zeigt lächelnd auf meinen Rücken. Was auf den ersten Blick wie Schadenfreude klingt, ist so etwas wie ein Ritterschlag für den schreibenden Spargelstech-Praktikanten.

Zwei Stunden lang haben Bogdan (43) und seine fünf Kollegen den Anfänger kritisch aus den Augenwinkeln beäugt. Wieder so ein deutscher Spargelzerstecher? Oder ein fauler Sack, der sich nach jeder zweiten Stange eine lange Auszeit gönnt? Nach vier Körben zu je sechs Kilo und knapp zwei Stunden Plackerei auf dem Acker an der Bümmersteder Stadtgrenze zeigt mir Bogdans Lächeln, dass mich meine polnischen Kollegen akzeptiert haben. Ich darf mit zur Frühstückspause.

„Normalerweise gucken die bei Deutschen sehr kritisch“, hat mir Heiko Stolle zu Arbeitsbeginn eingeschärft. Nicht nur seine Polen, die fast alle seit vielen Jahren für zwei, drei Monate bei ihm als Erntehelfer arbeiten, sind bei deutschen Spargelstechern skeptisch. „Wir haben mit den Leuten vom Arbeitsamt eigentlich nur schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Stolle.

Das Problem beim Spargel ist nicht das Stechen. Heiko Stolle zeigt mir in drei Minuten, wie es geht. Die aus der Erde ragende Spargelspitze wird mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand etwas freigelegt und dann festgehalten. Nun kommt das Spargelmesser zum Einsatz. Ein kurzer Stich mit dem schuhlöffelförmigen Eisen gute 20 Zentimeter unter die Spargelstange – und schon kann ich sie herausziehen. Eigentlich ganz einfach.


Das Problem beim Spargel ist die Masse. Die mit einem Spezialpflug vor mir aufgetürmte Reihe ist vielleicht 300 Meter lang. Viele, ja schier unendlich viele Spargelstangen wollen gestochen werden.

Runter in die Hocke, Stange festhalten, Messer ansetzen, stechen. Den Spargel vorsichtig in den Korb legen und weiter zur nächsten Stange. Rauf, runter, rauf, runter. Immer wieder. Und später auch noch unter sengender Sonne. Doch die spüre ich kaum. Es sind vielmehr die verschiedenen Muskelgruppen, von deren Existenz ich bisher nichts ahnte. Und all diese Muskeln melden sich mit immer wieder neuen Formen von Stechen, Zwicken oder Schmerzen.

Doch schlappmachen gilt nicht. Nach einer dreiviertel Stunde habe ich meinen ersten Korb halbwegs voll. Bogdan und seine Kollegen schaffen in dieser Zeit das Dreifache. Doch mein Schnitt steigert sich. Von Stange zu Stange läuft es besser. „Alles Übungssache“, sagt Bauer Stolle. „Nach drei Tagen läuft das wie am Schnürchen.“ Wenn man denn so lange durchhält. Immerhin dauert die Ernte traditionell bis 24. Juni.

Spargelstechen ist hart verdientes Geld. 5,50 Euro pro Stunde bekommen Stolles Polen. Dazu gibt es noch freie Unterkunft. Je nach Wetterlage gilt aber auch die Sieben-Tage-Woche – mit zehn, elf Stunden pro Tag. Bei Regen ist auch mal frei. Doch Bogdan und Co. sind zum Geldverdienen hier. Je mehr zu tun ist, desto besser. Egal, ob Wochenende oder nicht.

Trotzdem ist die Arbeit für Bogdan „säähr gut“. Seit sechs Jahren kommt der Heizungsbauer aus Lemberg nach Oldenburg. Wenn er nach gut zwei Monaten wieder in die Heimat fährt, hat er rund 2500 Euro verdient. Dafür müsste er in Polen acht bis neun Monate arbeiten.

Kassia bleibt sogar drei Monate. „Nach dem Spargel mache ich noch Erdbeeren“, erzählt die 36-Jährige. Sie kommt so auf den Jahresverdienst einer Verkäuferin in ihrer pommerschen Heimat. Und während ich an meine schmerzenden Muskeln denke, erzählt sie von ganz anderen Schmerzen. „Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Drei Monate ohne die Familie ist schon schwer.“