Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Bahnhofsmission An Gleis Eins werden Weichen gestellt

Anna Zacharias

OLDENBURG - Der Tag von Wolfgang O. (58) beginnt mit Kaffee und Leberwurstbrot. Auf dem Holztisch vor ihm steht ein Gesteck aus Zweigen, daran baumelt ein Weihnachtsstern. Immer wenn die Tür zur Oldenburger Bahnhofsmission aufgeht, weht er im Luftzug hin und her. Wolfgang O. gehört zu den Stammgästen. „Hier treffe ich Menschen, denen es auch schlecht geht. Und mir geht es richtig schlecht“, sagt der ehemalige Werftarbeiter.

Rund 13 600 Besucher hatte die Bahnhofsmission im Jahr 2010, Tendenz steigend. „Was auffällt ist, dass mehr und mehr Frauen zu uns kommen, der Anteil liegt jetzt bei 40 Prozent“, erzählt der stellvertretende Leiter Kai Niemann. Träger der Einrichtung ist das Diakonische Werk Oldenburg Stadt. Wer keinen Schlafplatz hat, drogenabhängig ist oder einfach nur Hilfe beim Einsteigen in den Zug braucht, bekommt hier unbürokratisch Unterstützung.

Keine Aussicht auf Arbeit

Obdachlos ist Wolfgang O. nicht. Aber die Rente des gelernten Fahrradmechanikers reicht kaum zum Leben. „Manchmal weiß ich wirklich nicht, woher ich etwas zu essen bekommen soll“, sagt er. Mit seinen 58 Jahren und einem Schwerbehindertenausweis habe er keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt.

Der Raum an Gleis Eins ist an diesem Montagmorgen um neun Uhr bereits gut gefüllt. Und schon wieder geht die Tür auf. „Komm rein, setz dich, wieder schwarzen Tee?“ fragt Erwin Juhl. Der Angesprochene nickt. Er ist obdachlos. „Heute können wir ihn reinlassen“, sagt Juhl leise. Manchmal fühlen sich die anderen Besucher vom starken Körpergeruch des Obdachlosen abgestoßen. „Dann sagen wir ihm ganz klar, dass er erstmal duschen muss und geben ihm frische Kleidung mit“, sagt Juhl.

Für den Berufssoldaten a.D. ist es oft schwer, sich die menschlichen Schicksale nicht zu nah gehen zu lassen. „Ich hatte keine Ahnung, was in diesem Land los ist. Wenn man die jungen Leute – zum Teil Kinder – sieht, die keine Perspektiven haben, kommt man schon ins Grübeln“, sagt er. Seit Oktober arbeitet er in der Bahnhofsmission.


Dass er Menschen aber auch oft helfen kann, motiviert ihn. „Meine Frau sagt, wenn ich nach Hause komme, habe ich ein Lächeln im Gesicht“, sagt er. Wenn er verzweifelten Menschen den Weg zu Schuldenberater, ambulanter Wohnungslosenhilfe der Diakonie oder dem Sozialamt weist, stellt er oft wichtige Weichen.

Begleitung bei der Reise

Das Telefon klingelt. Kai Niemann stellt ein Tablett mit Kaffee und Wurstbroten beiseite und eilt ins Büro. Eine 72-Jährige bittet um Reisebegleitung. Sie ist gehbehindert und braucht Hilfe bei einer Fahrt nach Neumünster. Auch das gehört zu den Aufgaben der Mitarbeiter, die an den blauen Westen mit dem Emblem der Bahnhofsmission zu erkennen sind. Niemann telefoniert jetzt mit den Bahnhofsmissionen auf der Strecke, um der Frau die sichere Reise zu ermöglichen.

Der Aufgabenbereich der Bahnhofsmission ist groß. In seiner Jackentasche hat Niemann immer ein paar Gummihandschuhe. „Wenn Erste Hilfe geleistet werden muss, sind wir meist zuerst vor Ort“, erklärt der junge Mann. Als sich im Juni dieses Jahres ein Mann im Bahnhof vor einen einfahrenden Zug warf und starb, betreuten er und weitere Mitarbeiter die Zeugen des Selbstmordes. „Es passiert oft etwas – und wir sind immer hier“ sagt er.

Inzwischen ist es zehn Uhr, und in dem weihnachtlich geschmückten Raum, den die Diakonie bei der Deutschen Bahn mietet, kommen und gehen die Gäste. Wolfgang O. sitzt noch immer am Tisch und unterhält sich. „Das ist wie eine Familie für uns“, sagt er, und Annette Broda (52) stimmt ihm zu. Und auch in einer weiteren Sache sind sich die beiden einig: Sie sind enttäuscht vom Sozialstaat. „Wir haben viele Jahre gearbeitet und können nicht von unserer Rente leben. Die Gesellschaft ist unmenschlicher geworden“, sagt Broda.

Lebensmittel von Tafel

Zweimal in der Woche liefert die Oldenburger Tafel Lebensmittel an die Bahnhofsmission. „Wir sind auf Spenden angewiesen. Zu dieser Jahreszeit können wir vor allem Sachspenden wie Schlafsäcke, Iso-Matten und Winterjacken gebrauchen, die letzten habe ich weggegeben“, sagt Niemann. In letzter Zeit sei die Spendenbereitschaft zurückgegangen. „Vielleicht liegt es an der wirtschaftlichen Lage“, mutmaßt Niemann, der seit acht Jahren dabei ist.

„Ohne die Bahnhofsmission gäbe es jeden Tag bis zu 90 Menschen, denen nicht geholfen wird“, sagt Niemann. An Weihnachten erwartet er einen Besucher-Ansturm. Dann werden es wohl 90 Gäste in drei Stunden sein. „In diesen Zeiten suchen die Menschen Nähe“, sagt er.

Im Jahr 2009

zählte die Oldenburger Bahnhofsmission rund 12 000 Besucher. 2010 waren es rund 13 600.

Etwa 100

Bahnhofsmissionen gibt es in ganz Deutschland. Sie werden getragen von den Wohlfahrtseinrichtungen der evangelischen und katholischen Kirche.

1894

wird die erste Bahnhofsmission in Berlin gegründet. Damals sollte vor allem allein reisenden Frauen Schutz geboten werden.

1910

wurde die heutige„Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland“ gegründet. Die Bahnhofsmission in der Stadt Oldenburg gibt es seit 1916.

In den 20er Jahren

werden hauptamtliche Mitarbeiter zur Betreuung der Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg eingestellt.

Im Nationalsozialismus

wird die Bahnhofsmission 1939 verboten. 1945 nehmen die Mitarbeiter auf den weitgehend zerstörten Bahnhöfen wieder ihren Dienst auf.
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Nach Zündung der beiden Sprenglandungen sackte der Kran zusammen und fiel wie geplant zu Boden.

RHENUS MIDGARD Kran im Nordenhamer Hafen gesprengt

Nordenham
Zieleinlauf beim Matjeslauf in Emden 2023

VOLKSLÄUFE IM NORDWESTEN IM JUNI – TEIL 1 Von 5 Kilometer bis 6 Stunden – Elf Startgelegenheiten bis zu den Sommerferien

Mathias Freese
Nordwesten
Sind in diesem Sommer früh wieder gefordert: Jan Urbas (links) und Nicholas Jensen

FISCHTOWN PINGUINS Erfolge bescheren Bremerhavener Eishockey-Team dichten Terminplan

Hauke Richters
Bremerhaven
Nimmt im Sommer erstmals an den Olympischen Spielen teil: der Oldenburger Jannis Maus

„ICH WILL MÖGLICHST VIEL AUFSAUGEN“ Oldenburger Kitesurfer Jannis Maus fiebert Olympia-Premiere entgegen

Niklas Benter
Oldenburg
Da wird die Deckenlampe zum Duschkopf: Das Wasser kommt durch die Decke und läuft an den Wänden hinunter.

MIETÄRGER IM AMMERLAND Wenn das Wasser aus der Deckenlampe strömt

Anke Brockmeyer
Westerstede