OLDENBURG - Die junge Frau wird Gesundheitskauffrau beim ZmbR. Viele Absagen entmutigten sie nicht.
Von Thorsten Kuchta
OLDENBURG - Ausgehen am Freitag? Das ist für die 20-jährige Christina Stolle die große Ausnahme geworden. Meistens fällt sie früh ins Bett. Kein Wunder: Vier Stunden ist die junge Frau täglich unterwegs, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Delmenhorst zu ihrem Arbeitsplatz ins Zentrum für medizinische und berufliche Rehabilitation (ZmbR) nach Oldenburg und zurück zu kommen. Acht Stunden Arbeit dazwischen: „Ich stehe morgens um fünf auf, komme abends um sieben nach Hause. Da ist man am Freitag nach 60 Stunden einfach platt.“ Am Ende des Monats hat sie damit ganze 192 Euro verdient. Aber das ist nicht schlimm für Christina, denn: „Jetzt habe ich endlich eine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz.“Dieser Stoßseufzer hat seinen Grund. Absagen über Absagen musste die zierliche junge Frau wegstecken, erst nach der Realschule, als sie in Sachen Banklehre von Gymnasiasten ausgestochen wurde, dann nach dem Wirtschaftsgymnasium, als auch bundesweite Bewerbungen meistens postwendend zurückkamen. Ob ihre 80-prozentige Schwerbehinderung dabei eine Rolle spielte, darüber kann sie nur mutmaßen. „Heute“, so ihr Fazit, „würde ich das nicht mehr in eine Bewerbung schreiben.“
Das ist keine Entscheidung aus Verbitterung, sondern ein logischer Schluss aus der Erfahrung heraus, dass sie Fähigkeiten beweisen kann, wenn sie die Chance hat. Das bestätigt Rüdiger Bangen, Geschäftsführer des ZmbR: „Sie bringt neben beruflichen Fähigkeiten gesundes Selbstbewusstsein mit und passt genau ins Team.“
Christina Stolle und das ZmbR fanden über das EQJ zusammen – die Einstiegsqualifizierung für Jugendliche, Bestandteil des im Vorjahr geschlossenen Ausbildungspakts. Christina gehörte zu den Jugendlichen, die ohne Lehrstelle blieben, von Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitsagentur zu Nachvermittlungsgesprächen eingeladen wurden. Claudia Schlebrügge, Ausbildungsplatzakquisiteurin der IHK, knüpfte den Kontakt zum ZmbR. Bangen: „Wir planten seit langem, Kaufleute im Gesundheitswesen auszubilden – aber es gab keine Berufsschule in Oldenburg, die den schulischen Teil anbot.“ Das ist inzwischen geregelt. Den Vorschlag Schlebrügges, Christina Stolle für ein Langzeitpraktikum einzustellen, nahm Bangen gerne an.
„Für uns“, resümiert er, „war das eine große Chance, die Bewerberin unter realistischen Bedingungen kennen zu lernen“. Da ZmbR psychsisch Kranke und Behinderte rehabilitiere, „hat die Arbeit hier besondere Anforderungen.“ Da muss der Bewerber passen, denn: „Wir bilden für den eigenen Bedarf aus.“
Will sagen: Vielleicht hat das EQJ Christina Stolle noch mehr gebracht, als einen Ausbildungsplatz. Vielleicht kann sie dauerhaft beim ZmbR bleiben, den Führerschein machen und ein umgerüstetes Auto kaufen, damit sie nicht täglich vier Stunden in Bus und Bahn sitzt. Umziehen möchte sie nicht. Ohne die Hilfe ihrer Familie in Delmenhorst, da ist sie sicher, „wäre das alles so nicht möglich.“
