OLDENBURG - Erst bekam sie trotz vieler Bewerbungen keinen Ausbildungsplatz. 20 Jahre, Wirtschaftsabitur, von Geburt an behindert: Keiner wollte sie, damals im Jahr 2004. Dann erkämpfte sich die Delmenhorsterin Christina Stolle mit viereinhalb Stunden täglichem Arbeitsweg und guten Leistungen ihre Lehrstelle im Zentrum für medizinische und berufliche Rehabilitation (ZmbR) in der Osternburger Pfauenstraße (NWZ berichtete).
Heute spricht sie von der Zeit, in der Ausgehen nicht drin war: „Ich hab’ die Belastung gar nicht so gespürt.“ Und lächelt. Nicht ohne Grund: Mit einem Einserschnitt gehört sie zu den besten Gesundheitswesen-Kaufleuten der Region und geht nach der Lehre nahtlos in eine feste Beschäftigung über – vorausgesetzt sie besteht die mündliche Prüfung.
„Daran zweifelt aber keiner“, sagt ZmbR-Geschäftsführer Rüdiger Bangen, der für seine hoffnungsvolle Nachwuchskraft eigens eine Stelle geschaffen hat. Und wenn man Bangens Zwischentöne ernst nimmt, dann glaubt der fest daran, dass Christina Stolles Karriere damit noch nicht ihr Ende gefunden hat.
Dabei sieht die junge Frau ihren beruflichen Einstieg heute durchaus selbstkritisch: „Ich wusste damals nicht so recht, was ich werden sollte“, erinnert sie sich an die Zeit nach dem Abitur. Bewerbungen verliefen fruchtlos. Dann lud die Industrie- und Handelskammer (IHK) sie ein: Nachvermittlung. „Wir brachten Frau Stolle und das ZmbR zusammen – und es passte auf Anhieb“, beschreibt Claudia Schleebrügge, bei der IHK zuständig für die Einstiegsqualifizierung (EQJ), das damals von der Kammer arrangierte „Matching“ (Treffen). Christina Stolles innerer Kompass schlug heftig aus: „Ich wusste: Das ist, was ich will“.
Von diesem Moment an setzte sie alle Kraft daran, die nach dem Praktikumsjahr lockende Ausbildung zu bekommen. So nahm sie täglich viereinhalb Stunden in Bus und Bahn in Kauf, um an die Arbeitsstelle zu kommen. Chef Bangen erinnert sich: „Wir haben versucht, vom Integrationsamt einen Führerschein finanziert zu bekommen.“ Grund: Die junge Frau verpasst wegen ihrer Behinderung oft den knappen Anschluss vom Bus zur Bahn, ist noch länger unterwegs. Das Amt lehnt ab: Christina Stolle solle umziehen. Ihr Argument, sie sei auf die Familie angewiesen, stimmt das Amt nicht um. Bangen handelt, überzeugt eine Stiftung, Christina Stolle macht auf deren Kosten den Führerschein in der knappen Freizeit, die Eltern steuern das Auto bei.
Nun wird sie fest für das aufstrebende Unternehmen arbeiten. Das ZmbR kümmert sich um Beschäftigung und Wiedereingliederung von über 200 psychisch behinderten Menschen, macht mit seinen Unternehmen (u.a. Reifenlager-Logistik, Haus- und Landwirtschaft, Tischlerei) 1,2 Millionen Euro Außenumsatz im Jahr.
„Wir haben noch einiges vor“, sagt Bangen. Christina Stolle ist dabei.
